{"id":32,"date":"2015-12-19T17:49:24","date_gmt":"2015-12-19T17:49:24","guid":{"rendered":"http:\/\/schulze.geest-verlag.de\/?p=32"},"modified":"2015-12-19T17:49:24","modified_gmt":"2015-12-19T17:49:24","slug":"pedalen-bremsen-uhrzeiger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schulze.geest-verlag.de\/?p=32","title":{"rendered":"Pedalen bremsen Uhrzeiger"},"content":{"rendered":"<p><b>Impressionen einer Radtour zwischen Donau und Bodensee\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>Wieso eigentlich?<\/b><br \/>\nEs gibt Zeilen, die haben eigentlich gar nichts mit Osnabr\u00fcck zu tun. H\u00f6chstens dergestalt, dass auch an der Hase Fernweh gedeiht und die Stadt liebend gern als Sprungbrett dient, um von hier aus die ferne Au\u00dfenwelt zu erkunden und dortige Erlebnisse an den Ma\u00dfst\u00e4ben Osnabr\u00fccker Innenwelten zu messen.<br \/>\nIn meinem Fall geschieht dies nicht per Flugticket vom FMO oder auf donnernden Pferdest\u00e4rken. Ich mag es viel lieber \u201eganz gr\u00fcn\u201c &#8211; per Bahn und Rad.<\/p>\n<p>\u201eNur auf dem Fahrrad, 500 km, mit Zelt \u2013 und auch noch ganz alleine?\u201c. Die Masse der ungl\u00e4ubig Fragenden erreicht zu Hause astronomische Ausma\u00dfe. Wenn ich dann noch erz\u00e4hle, dass ich solche Trips erst seit Anfang f\u00fcnfzig unternehme, ernte ich allenfalls ein mitleidiges L\u00e4cheln. Ich h\u00f6re Weisheiten \u00fcber M\u00e4nner jenseits der Midlife-Crisis, Belehrendes \u00fcber Jugendwahn im Alter, h\u00f6flicher oder gar soziologisch gesagt: \u00fcber typische Ausdrucksformen der Anti-Aging-Bewegung.<br \/>\nIch nehme all diese Kommentare l\u00e4chelnd, zuweilen interessiert, im Grunde aber als zweitrangig zur Kenntnis. Ein Grund mehr f\u00fcr den Luxus eines mehrt\u00e4gigen Alleinseins, bei dem h\u00f6chstens ich selbst und niemand sonst Eigenanalysen erstellt oder eigenartige Sinnfragen an mich richtet.<\/p>\n<p>Um es auf den Punkt zu bringen: Ich stand dazu, stehe dazu \u2013 und werde weiterhin, solange mir meine Gesundheit dies erm\u00f6glicht \u2013 eine knappe Woche pro Jahr zeltbepackt die Stadt verlassen und irgendwo umher rasen. Ob dies der Suche nach mir selbst oder schlichtweg der nach der korrekten Route dient, ist mir egal. Denn die Vorteile, die ich solchen Fahrten abgewinne, zeigt einzig und allein die Skala meiner eigenen Wohlf\u00fchl-Temperatur.<br \/>\nUnd exakt diese rast ganz schnell auf H\u00f6chstwerte, wann immer ich mir jene Fragen nicht mehr beantworten muss, die gemeinhin als rhetorisch gelten:<br \/>\nWann sonst, ermittle ich dann, habe ich die Chance, jeden Meter einer Reise nicht durch eine sterile Auto- oder Waggonscheibe zu betrachten, sondern zu atmen, zu riechen und zu schmecken? Wann sonst bestimme ich auf jedem Meter ganz allein, ob ich anhalte, Rast mache, Kurs\u00e4nderungen vornehme \u2013 oder schlichtweg im eigenen Schnelltempo weiterrase, ohne jede R\u00fccksicht auf fiktive Begleitpersonen? Wie sonst erlebe ich in dieser durchorganisierten, st\u00e4ndig durchgeplanten Wochen-Routine noch so etwas wie kleine Abenteuer, die ich doch seit Jugendzeiten immer irgendwie suchen wollte und zu denen ich nie gekommen bin?<br \/>\nUnd dann gilt vor allem jener Faktor, der mir nachhaltig der allerwichtigste ist: Einmal mehr wird es mir gelingen, ein Chronometer in Chronozentimeter zu verwandeln. Mit anderen Worten: um Zeit radikal abzubremsen. Indem ich das Gef\u00fchl empfange, an einem geradelten Tag so viel zu erleben wie sonst in routinierten Endlos-Wochen. Mal eben keine Phase voller g\u00e4hnender Wiederholungen. Daf\u00fcr Premieren im Minutentakt. Kurzum: Pedalen bremsen Uhrzeiger!<br \/>\nEin anderer Punkt h\u00e4ngt mit einer Parallele zu meinen bisherigen Marathonl\u00e4ufen zusammen, die mich immer wieder zu eigenartigen, wahrscheinlich ganz unprofessionellen Selbstdiagnosen f\u00fchrt: Bei derartigen L\u00e4ufen wie bei strapazi\u00f6sen Radtouren kommen Phasen, in denen ich ganz nahe am Punkt des Aufh\u00f6rens bin und mich permanent frage, was dieser Irrsinn, dieser Generalangriff auf Hirn, Psyche, Muskeln, Gelenke, Herz und Lunge eigentlich soll. Die Antwort steht hinter dem Ziel und dokumentiert eine Art Wunder: Kaum sind die benebelten Sinne wieder halbwegs beisammen, zieht ein Sturm irgendwelcher Morphine durch die Gehirnzellen und durchdr\u00f6hnt den K\u00f6rper mit den merkw\u00fcrdigsten Gl\u00fccksgef\u00fchlen. In Bio hatte ich eine dicke F\u00fcnf, also belasse ich es lieber dabei.<\/p>\n<p>Den Fitness-Faktor nenne ich hier nur deshalb, weil er nat\u00fcrlich dazu geh\u00f6rt, aber schon abgedroschen klingt: Mit Ende 50 noch zuweilen 150 km pro Tag zu fahren, h\u00e4tte ich mir als Junger von Tattergreisen meines Alters nicht vorstellen k\u00f6nnen. Und dass ich noch ohne nennenswerte Bandscheibenprobleme auf der Schlafrolle n\u00e4chtigen und mich ohne gebrochenes Kreuz aus meinem Zelt bewegen kann, freut mich doch insgeheim. Am Ende h\u00e4ngt auch viel mit einer Parallelreise zusammen: Der Reise in mich selbst gewisserma\u00dfen. Dies nicht hochphilosophisch oder gar metaphysisch-esoterisch, sondern realphysisch: Was kann ich noch ab, wie lade ich den Akku wieder auf, wie verdammt nochmal schaffe ich die n\u00e4chste Steigung, ohne schm\u00e4hlich und resigniert zu schieben?<br \/>\nUnd auch die Heimkehr nach Osnabr\u00fcck ist in solchen F\u00e4llen irgendwie besonders. Ich habe beachtliche Plackereien hinter mir, dennoch einen Riesensack neuer Erfahrungen gewonnen, habe meine ganz pers\u00f6nliche Leistungsbilanz erweitert \u2013 und kann mich, zufrieden mit mir und der Welt, erneut mit gutem Schwung dem Osnabr\u00fccker Alltag widmen.<\/p>\n<p>Dies nur vorweg als Vorwort f\u00fcr alle unverdrossenen Zweifler, die das bleiben d\u00fcrfen. Man darf ja auch erkl\u00e4ren, ohne zu \u00fcberzeugen.<br \/>\n<b>Donau-Bodensee: Warum nicht?<\/b><br \/>\nIn Mu\u00dfestunden bemale ich daheim allj\u00e4hrlich eine Deutschlandkarte per Edding mit solchen Routen, die ich schon irgendwann unter den Reifen hatte. Holland-Nord und -S\u00fcd, Teile von England, Frankreich oder Belgien, wo ich auch schon unterwegs war, muss ich mir dann immer dazu denken. Lupenrein national waren Touren an der Ostsee von L\u00fcbeck nach Usedom, von Bremen nach Mecklenburg, den Rhein hinunter bis Bayern, auch Dresden blieb einmal ein markanter Zielpunkt.<br \/>\nEtwas arm an Eddingspuren war bislang die S\u00fcdh\u00e4lfte meiner Radkarte. Donau und Bodensee zum Beispiel. Zumal das gr\u00f6\u00dfte Gew\u00e4sser Mitteleuropas Mehrstaatenaufenthalte verspricht: Deutschland, Schweiz, \u00d6sterreich, sogar Bayern ist da immerhin mit optischer Trennlinie verzeichnet. Vierland eben.<br \/>\nVorab, wie vor jeder Reise, der Blick auf den gef\u00fcllten Terminkalender: Zur Verf\u00fcgung steht \u2013 nach Bahnanfahrt gen Ulm &#8211; der sp\u00e4te Sonntagnachmittag. Ankunft muss Freitag fr\u00fch in Friedrichshafen zum R\u00fccktransport sein, rundum knapp 500 km auf dem harten Sattel. Gemerkt, gedacht und schnell beschlossen: Von Ulm aus Donau-aufw\u00e4rts, dann runter zum Bodensee, um diesen g\u00e4nzlich zu umrunden.<br \/>\n<b>Packen, Laden, Gleise<\/b><br \/>\nEine ganz eigene, nicht ganz so vergn\u00fcgliche Phase ist das richtige Packen. Zelt, Schlafrolle, Schlafsack, Kocher, Karten und Rad-Basis-Klamotten sind, wie der Jugendherbergsausweis f\u00fcr Zivilisationspausen, gesetzt.\u00a0 Der Rest wird, minimiert, in die \u00fcblichen knallroten Ortlieb-Taschen gequetscht. Wie immer wird alles ohnehin schwer \u2013 und mein nagelneues wei\u00dfes 29-er Mountainbike der Marke Bulls verkraftet allenfalls 25 kg Gep\u00e4cklast, die ich allerdings trotz \u00dcbergep\u00e4ck deutlich unterschreite.<\/p>\n<p>Dann kommt der Osnabr\u00fccker Hauptbahnhof als n\u00e4chste Stufe der Vorqualifikation. Das vertraute Ensemble am Bahnhofsvorplatz verst\u00e4rkt keinerlei Heimwehgef\u00fchl. Ein als Startrampe in die Welt bew\u00e4hrter Bahnsteig ist schnell erreicht.<br \/>\nAnweisungsgem\u00e4\u00df klicke ich im Ortlieb-Modus das Riesengep\u00e4ck ab, nachdem der Zug h\u00e4lt und zw\u00e4nge Rad, Taschen und mich selbst in den Fahrrad-Waggon. Da muss ich mein Gef\u00e4hrt m\u00fchsam unter die Decke wuchten, wo ein enger Haken zur Aufh\u00e4ngung meines stolzen Untersatzes dient.<br \/>\nAuf dem reservierten Platz verschnaufe ich bis zum K\u00f6lner Umsteigebahnhof. Es gibt angenehmere Dinge, als das Rad wieder wuchtig vollzuladen, um es dann \u00fcber Endlostreppen zu den angegebenen Bahnsteigen via Endlos-Treppen hinauf- oder herunter zu schleppen. Wiederholt kostet das kleine Bluterg\u00fcsse und Schrammen auf den nackten Waden. Etwas fehlt n\u00e4mlich. In Osnabr\u00fcck wei\u00df ich ihn immer wieder zu sch\u00e4tzen. Aber wo zum Teufel war hier in der Domstadt der Fahrstuhl?<br \/>\nAlso\u00a0 schleppen, also packen, einladen und hinsetzen. Same procedure \u2026<br \/>\nKurzum: Vorqualifikation bestanden, ich vermeide Wiederholungen und setze endlich wieder am Zielort ein:<br \/>\n<b>Der Startschuss<\/b><br \/>\nUlm ist zweifellos eine interessante, wundersch\u00f6ne Stadt mit seinem typischen M\u00fcnster und ungez\u00e4hlten Attraktionen. Auf die muss, besser will ich aber heute verzichten. Denn der enge Zeitplan, es ist schon beinahe halb f\u00fcnf nachmittags, verlangt ein schnelles Durchstarten.<br \/>\nIch finde mich toll, denn ich ersp\u00e4he umgehend ein Schild \u201eZum Donauradweg\u201c, zurre mein Gep\u00e4ck noch einmal fest und sause begeistert los. Es geht stadtausw\u00e4rts, sieht aber nicht so interessant aus, dass ich optische Genusspunkte verpasse. Am Stadtrand \u00fcberfallen mich dann doch Zweifel, ob ich den verdammten Fluss noch erreiche \u2013 vor allem die richtige Fahrtrichtung, denn ich will ja heute nicht gen \u00d6sterreich-Ungarn.<br \/>\nDer Frust trifft mich tief, als mir m\u00fcrrische Einheimische auf Anfrage erkl\u00e4ren, dass ich exakt in die falsche Richtung gefahren bin. \u201eZur\u00fcck auf Los!\u201c also. Ein kleiner Vorteil bleibt, dass ich zumindest direkt am hochgereckten Ulmer M\u00fcnster vorbeifahre, wo gerade Ch\u00f6re von Bibelfesten singen, deren Ordner mir nun sehr freundlich die endg\u00fcltig richtige Spur weisen.<br \/>\nWas hilft es? Der angebrochene erste halbe Fahrtag beginnt mit 10 km Fehlfahrt. Jetzt aber los, es ist 17.00 Uhr, ab unter grauem Himmel mit einsetzendem Nieselregen.<br \/>\nSchaffe ich es gar bis Sigmaringen? In einem Anfall von\u00a0 Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung hatte ich mich da bereits von Osnabr\u00fcck aus in der dortigen Jugendherberge angemeldet. Mindestens 90 km w\u00e4ren, hatte ich gedacht, bis zum T\u00fcrabschlie\u00dfen um 21.00 Uhr zu schaffen. Mein Selbsteingest\u00e4ndnis, dass ich das heute bei weitem nicht mehr hinbekomme, steigern Depressionen und mindern jedes Selbstwertgef\u00fchl. Ich fahre grimmig weiter, der Regen wird heftiger, ich werfe mich in meine Tschibo-Regenjacke.<br \/>\nNur wenig mehr als 40 km auf dem Tacho, \u00fcberkommt mich ruckartig ein psychologischer Schw\u00e4cheanfall. Ein Gasthaus im verregneten Ehingen verspricht \u201eFremdenzimmer\u201c. Ich fremdele mit mir selbst, steige ab und erkundige mich beim muffeligen Gastwirt nach dem Preis. 37 Euro mit Fr\u00fchst\u00fcck machen mich schwach.<\/p>\n<p>Ich quartiere mich ein, verzehre einen Teller Spaghetti, bewundere im Fremdenzimmer die gegen England obsiegenden Italia-Kicker und beende sp\u00e4ter eingeschlafen den kilometerarmen und wetterm\u00e4\u00dfig allzu bescheidenen ersten Tag. Ein Anruf in der famili\u00e4ren Heimatstadt beruhigt. Zumindest da ist noch alles beim alten.<br \/>\n<b>Montag: Von Ehingen nach Ueberlingen<\/b><br \/>\nNun aber los. Nur kurze Zeit gilt am Fr\u00fchst\u00fcckstisch der Sehnsucht nach Osnabr\u00fccker Vollkornbr\u00f6tchen, weil ich in helle Pappexemplare des Gasthauses bei\u00dfen muss. Ein schw\u00e4bischer Nachbar erl\u00e4utert mir, ich k\u00f6nne wom\u00f6glich schon ab Menden in Richtung Bodensee abbiegen.<br \/>\nRoute und Richtung stimmen nun \u00fcberein. Nieselregen und grauer Himmel sind egal. Ich starte im Gang eines vom Ehrgeiz zerfressenen Pacemakers, der Kilometer gutmachen muss.<br \/>\n\u00dcber 20 km Durchschnittstempo sind schnell erreicht, zumal die Reize zum Gucken ins Landschaftspanorama bescheiden sind. Die Donau sehe ich eher selten. Allzu h\u00e4ufig umfahre ich Gewerbegebiete und rase \u00fcber endlos erscheinende einsame Asphaltrouten inmitten von b\u00e4uerlich bestellten Feldern.<br \/>\nMist! Es scheppert schon wieder. So stolz ich auf mein wei\u00dfes Gef\u00e4hrt mit den gro\u00dfen dicken Reifen bin, desto nerviger sind irgendwelche klimpernden Fahrger\u00e4usche. H\u00e4tte ich die in Osnabr\u00fcck blo\u00df noch einmal erforschen lassen! Alles erschallt so wie der Klang aus meiner l\u00e4ngst abgelegten Auto-Vergangenheit: Als damals die Bremsbacken meines studentischen R4 zerdepperten, angeblich repariert von einem billigen Alternativ-Mechaniker, zwirbelten sie \u00e4hnlich klingend durch irgendwelche Hohlr\u00e4ume. Danach funktionierte so manches, nur nicht mehr die Bremsen. Und heute? Ich verdr\u00e4nge alles. Wird schon nicht schlimm sein. Ich will, nein, ich muss schlie\u00dflich weiter.<br \/>\nBerg und Tal, schalten, Luft holen, Tempo so schnell bergab, dass es mit Schwung wieder, wie von allein, bergauf geht. Es beginnt sogar, richtig gut zu laufen \u2013 und der Tacho zeigt schon beachtliche Zahlen.<br \/>\nEs f\u00e4ngt \u2013 um mich herum &#8211; sogar an, idyllisch zu werden. Klasse! Die Sonne scheint pl\u00f6tzlich auch noch, V\u00f6gel zwitschern, alles gut.<\/p>\n<p>Gerade will ich tapfer eine \u00fcberraschend vor mir auftauchende Steigung erklimmen, da knallt es laut. Ich bremse, bem\u00fche mich, mit dem Riesengep\u00e4ck das Gleichgewicht zu halten &#8211; und blicke in Pedalrichtung: Die Kette hat sich verheddert, ist aber noch ganz. Doch der verdammte Kettenschutz hat sich verbogen und alle Einzelglieder verbarrikadiert.<br \/>\nIch mache in Ruhe das, was ich schon zu Hause mit Geduld erlernt habe: Gep\u00e4ck abbauen, Werkzeug suchen, Rad auf den Kopf stellen, Kettenschutz abschrauben. Zumindest Kette und Zahnkr\u00e4nze wirken schnell wieder normal. Der verbogene Kettenschutz geh\u00f6rt fortan zum absolut \u00fcberfl\u00fcssigen Reisegep\u00e4ck. Aber Osnabr\u00fccker wie ich wissen ja nie, ob sie M\u00fcll noch irgendwie verwenden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Weiter also.<br \/>\nWenn ich zu Hause etwas sch\u00e4tze, sind dies vertraute Beschilderungen, sobald ich nicht mehr weiter wei\u00df. Die badisch-schw\u00e4bischen Varianten glaube ich allm\u00e4hlich auch schon zu kennen und komme voran. Nur einmal folge ich einem verschmutzten gelben Radweg-Schild, was mich einige Kilometer in das f\u00fchrt, was ein von mir ratlos gefragter Schwabe als \u201ePampa\u201c bezeichnet. Aber so etwas passiert nun mal.<br \/>\nIch schwitze, es wird w\u00e4rmer. Irgendwo am Stra\u00dfenrand, inmitten ganzer Kolonnen ger\u00e4uschvoll durchdr\u00f6hnender LKWs, steht ein Obststand. Eigentlich wollte ich beim betagten H\u00e4ndler nur ein paar Kirschen und wenige Erdbeeren erstehen. Ich erhalte voller Gro\u00dfmut eine Riesenschale mit beidem. In Osnabr\u00fcck hatte ich gelernt, alles, was serviert wird, zu verspeisen. Ich verspeise.<br \/>\nEine B\u00e4ckerin befrage ich neugierig wie laut, warum man in dieser Dorfstra\u00dfe nichts anderes als LKW-Gedr\u00f6hne vernimmt. \u201eDasch isch de Maut-Nebenstreck\u201c, erl\u00e4utert sie mir in der Landessprache, die ich allm\u00e4hlich akkustisch zu verstehen beginne. Die sinnlose Nebenstrecke, die jetzt alles andere erstickt und \u00fcberdies meine Fahrfreude minimiert, verstehe ich weniger.<br \/>\nAls endlich der L\u00e4rmpegel sinkt, aste ich durch eine steile Bergtour. Das Zwischenziel ist ein Dorf namens Wald. Pl\u00f6tzlich erreicht mich ein \u00e4lterer Einheimischer, der mir die Route erkl\u00e4rt, indem er, sparsam tretend, bergauf voranf\u00e4hrt. Ich habe M\u00fche, mitzuhalten, merke aber dann, dass der gute Mann, wie er mir erl\u00e4utert, soeben das E-Bike seiner Gattin testet. E-Bike? Welch Anschlag auf mein Trainingsethos! Als wir Wald erreichen, \u00fcberhole ich den guten Mann dankend, um ihn dann nat\u00fcrlich auf gerader Strecke triumphierend, undankbar und gnadenlos abzuh\u00e4ngen. Mein erster sportlicher Vorsatz dieser Fahrt ist gefasst: Nie soll mich mehr ein E-Bike \u00fcberholen! Es soll auch am Bodensee schwer werden. Aber ich werde es tats\u00e4chlich schaffen.<\/p>\n<p>Osnabr\u00fccker wie ich m\u00fcssen manche Fehler wohl mindestens zweimal machen. Nur noch 10 km vor meinem Zielort Ueberlingen, mitten auf einer nicht ungef\u00e4hrlichen, aber gut asphaltierten Bundesstra\u00dfe, lenkt ein irgendwie bekanntes, schmuddelig-gelbes Schild in einen angeblichen\u00a0 Radweg. Ich biege in ein dunkles Waldst\u00fcck ein und rase holprig und scheppernd\u00a0 \u00fcber Wegekrater in den Abgrund. Unwegsam und steil geht es immer tiefer hinunter. Die Hoffnung bleibt die Abk\u00fcrzung. Doch der Weg endet nicht nur im Tal, sondern auch im Nichts. Kein Weg mehr. Nur noch Anstiege ohne jede Schneise. Wildwuchs, Felder, Unkraut, Brennnessel, summende Insekten auf der Jagd nach meinem Blut und der Zugabe eines nie endenden Juckreizes. Der vorl\u00e4ufige Tiefpunkt ist erreicht \u2013 nicht nur h\u00f6hentechnisch. Jetzt wei\u00df ich, warum auch der Weg in die biblische H\u00f6lle nach unten f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Ganz in der Ferne, unendlich weit weg, erahne ich die sinnlos verlassene Bundesstra\u00dfe. Auch ein bewohntes Haus erscheint am weiten Horizont und weckt Phantasien meiner Rettung, und zwar f\u00fcr den Fall, dass ich dieses Geb\u00e4ude irgendwann entkr\u00e4ftet auf allen vieren erreichen muss. Aber Osnabr\u00fccker geben ja nicht auf.<br \/>\nIch schiebe mein uns\u00e4glich schweres und breites Gef\u00e4hrt mitten durch die Pampa in Richtung Horizont. Jetzt fehlt ein Buschmesser! Gr\u00fcnzeug verf\u00e4ngt sich in meinen Zahnkr\u00e4nzen. Stechbrummer saugen an mir. Gezweig und Schlingergew\u00e4chse wetteifern mit meinen statischen Pedalen darum, wer meinen nackten Beinen mehr blutige Blessuren zuf\u00fcgt.\u00a0 Weiter dr\u00fccken! Weiter schieben! Endlos erscheinende Vorw\u00e4rtsbewegungen im gef\u00fchlten Millimetertakt. Ich fluche .<br \/>\nIrgendwie schaffe ich es tats\u00e4chlich. Nie zuvor hat mich eine reich befahrende Asphaltstra\u00dfe so gl\u00fccklich gemacht.<br \/>\nDann oben die Wende: Sollte es, etwa nach dem Vorbild der antiken G\u00f6tterwelt, ein h\u00f6heres Wesen f\u00fcr Radfahrergerechtigkeit geben, dann war diese Gestalt wohl pl\u00f6tzlich zur Stelle. Schon am Stra\u00dfenrand erkenne ich nicht nur den ersehnten Bodensee samt Ueberlingen, sondern \u00fcberdies den Stra\u00dfenverlauf: Es geht nur noch bergab! Der Leerlauf reicht bis Ueberlingen, wenige Pedaltritte ben\u00f6tigt nur noch der Campingplatz. Auch mein Tacho-Stand scheint vom entdeckten Fahrrad-Gott beeinflusst: 125 km Tagesleistung. Immerhin.<br \/>\n<b>Kleinwelt auf dem Campingplatz<\/b><br \/>\nWenn die Selbstvertrauenslinie eines Osnabr\u00fcckers schon einmal bescheiden nach oben zeigt, werden zuweilen Gipfelst\u00fcrmer geboren.<br \/>\nSo etwas verl\u00e4uft manchmal ganz simpel. Ich baue mein Aldi-Zelt routiniert neben die Behausung eines brummig-eingekehrt wirkenden Cottbuser Motorradfahrers auf. Vor mir erstreckt sich der Bodensee in ganzer F\u00fclle. Links von mir campt dann ein j\u00fcngeres, aber zweifellos hochintelligentes Fahrrad-P\u00e4rchen.<br \/>\nUnd dann kommt es: Der Mann gew\u00e4hrt mir nach kurzem Small-Talk meinen ganz pers\u00f6nlichen Ritterschlag: \u201eDu bist ja wohl sicher der Vollprofi\u201c, res\u00fcmiert er. \u201eDu schaust aus wie einer, der schon ein ganzes Jahr lang unterwegs ist.\u201c<br \/>\nDas tut so gut, dass ich nicht einmal mehr wei\u00df, welch sinnige Antwort ich offenbare. Nat\u00fcrlich gebe ich eine, ohne die Hochachtung des Ritterschlagenden zu mindern. Wenn schon stolz, dann richtig.<br \/>\nSolch begnadete Reisende wie ich m\u00fcssen sich dann nat\u00fcrlich auch belohnen. F\u00fcr einen City-Gang ist es zu sp\u00e4t. Auf dem Zeltplatz geselle ich mich zum italienischen Gastro-Betreiber und bestellte eine Fischplatte nach Marke des Hauses.<br \/>\nEs tut gut, nach Sonnenuntergang dar\u00fcber zu sinnieren, welch hartgesottene Vollprofis und Weltenbummler doch so alles aus Osnabr\u00fcck kommen k\u00f6nnen.<br \/>\nNur leicht getr\u00fcbt wird meine professionelle Euphorie durch den Ger\u00e4uschpegel der ersten Zeltnacht. Anfangsprobleme, mich ans Schlafen auf meiner Schlafrolle zu gew\u00f6hnen, waren mir bekannt. 5 cm Liegedicke m\u00fcssen eingeschlafen werden. Ungeplant dagegen ist jetzt der laute Schnarchpegel meines Cottbuser Zeltnachbarn. Der hat offenbar den Ehrgeiz entwickelt, ausgerechnet in dieser Nacht gro\u00dfe Teile seines Spreewaldes abzus\u00e4gen.<\/p>\n<p><b>Dienstag: Rund um die Zahnwurzel<\/b><br \/>\n\u201eVollprofis\u201c m\u00fcssen nat\u00fcrlich souver\u00e4n in ihren Tagespl\u00e4nen sein. Schon das Kartenstudium beim vorabendlichen Italiener hatte mir eingegeben, was heute anstehen soll. Zumal mein Zelt gut steht und die Lust zum Packen nur sp\u00e4rlich vorhanden ist, entschlie\u00dfe ich mich zur Tour entlang der Ufer jener kleinen Teil-Seen links von Konstanz, um von dort aus irgendwann wieder auf den heimischen Zeltplatz zur\u00fcck zu gelangen.<br \/>\nDa sich die beiden Teilseen, verglichen mit dem Hauptgew\u00e4sser, \u00e4hnlich wie Zahn und Wurzel zueinander verhalten, taufe ich meine Route zur \u201eZahnwurzeltour\u201c.<br \/>\nIch genehmige mir ein Fr\u00fchst\u00fcck mit hellen Papp-Br\u00f6tchen bei einer russisch-st\u00e4mmigen Kiosk-Betreiberin. Weder Papp-Exemplare noch die allein angebotene Marmelade s\u00e4ttigten wirklich. Doch ich starte trotzdem kraftvoll durch. Das Rad scheppert wieder, rast aber gut. Die dicken Reifen summen wie ein Formel-1-Gef\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst lerne ich, dass es nicht nur das Ludwigshafen eines f\u00fcr Spie\u00dfigkeit bekannten Altbundeskanzlers Kohl gibt. In diesem Ludwigshafen am Bodensee erfasse ich, dass angeblich urkonservative Baden-W\u00fcrttemberger auch respektlos sein k\u00f6nnen. Offiziell im Nahbereich des dortigen Rathauses erblicke ich ein hauswandgro\u00dfes Relief eines K\u00fcnstlers, der Oettinger, Bush, Schr\u00f6der bis hin zu Merkel als unbekleidete, sich gegenseitig in die Geschlechtsteile greifende \u201eGlobal Player\u201c zeigt.<br \/>\nWeiter geht die Zahnwurzelbereisung. Nach der Durchfahrung des Dorfes Bodman erleide ich blitzartig wahre Hunger-Qualen. Fleischeslust gewisserma\u00dfen. In Radolfzell genehmige ich mir, entgegen meiner selbstverordneten S\u00e4ugerfleischabstinenz, einen sehr fetten D\u00f6ner und lasse ihn mir vollmundig schmecken.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Ort, der zum Umschauen einl\u00e4dt, ist Stein am Rhein. H\u00e4tte mich hier jemand nach Reise-Vorwissen gefragt, w\u00e4re ich schm\u00e4hlich durchgefallen. Ganz unbemerkt war ich n\u00e4mlich in die Schweiz geraten und h\u00e4tte die h\u00fcbsch bemalten H\u00e4userfassaden des St\u00e4dtchens unbedenklich als Ausdruck s\u00fcddeutscher H\u00e4usle-Kunst durchgehen lassen. Erst ein Blick auf die Speisekarte einer kurz erwogenen Eisdiele l\u00e4sst mich angesichts der Preise erbleichen: 12,50 f\u00fcr ein Gl\u00e4schen mit wenigen Kugeln. Peinlich, dass einer wie ich das \u00dcberschreiten einer Landesgrenze erst anhand von lapidaren Speisekarten erkennt. Ich genehmige mir dann trotzdem ein Eis, allerdings einen selbstgemachten Vanilleeis-Becher inmitten eines L\u00e4dchens. Dort befolge ich auch den Tipp einer freundlichen Schweizer Verk\u00e4uferin, meine leergetrunkenen Radflaschen am Brunnen in der Hauptstra\u00dfe zu f\u00fcllen.<\/p>\n<p>Weiter geht es also in der Schweiz. Es ist nicht schwer, der Radroute zu folgen. Alle vorgenommenen Kilometer verlaufen parallel zu den Bahngleisen. Beschildert sind die Strecken mit typischen roten Emblemen, auf denen wei\u00df eingedruckte Fahrr\u00e4der, zuweilen auch geheimnisvolle vier Kreise zu sehen sind. Erst sp\u00e4ter lasse ich mir meine Vermutung best\u00e4tigen, dass jene merkw\u00fcrdigen Kreise Inliner-Strecken markieren.<\/p>\n<p>Gen Kreuzlingen-Konstanz, einer einmaligen deutsch-schweizerischen Doppelstadt mit Zollgrenze, bewege ich mich mit merklichen Magenereignissen. Ich merke, dass sich in meinem Inneren etwas tut, was sich in nicht n\u00e4her zu bezeichnenden dunkelfl\u00fcssigen K\u00f6rperentlastungen ausdr\u00fcckt.<br \/>\nAnders gesagt: In meinem Magen herrscht eine Art Revolution. Ob die Beteiligten daran schlechtes Wasser aus einem Schweizer Stra\u00dfenbrunnen, der Riesen-D\u00f6ner oder Rudimente meines Kirsch- und Erdbeerattentats sind? Die Antwort kennt wohl nur der Fahrtwind.<br \/>\nDa ich gleichwohl diagnostiziere, dass es zumindest Muskeln und Gelenken gut geht, fahre ich zielstrebig gen Konstanz, nachdem ich den Schweizer \u201eVorort\u201c Kreuzlingen durchquert und jedwede Zollstationen erfolgreich umkurvt habe. Inmitten der Konstanzer Fu\u00dfg\u00e4ngerzone \u00fcberkommt mich erneut ein kleiner Hungeranfall. Ich verspeise zum Cappuccino bei einem schw\u00e4bischen Chinesen \u00fcberbackene Bananen mit Honig. Gewissensbisse? Ein Notgang auf die Toilette verr\u00e4t mir, dass ich sie h\u00e4tte haben sollen.<br \/>\nAber was soll es? Ein echter Profi gesundet schon von selbst, sage ich mir, radle weiter und be\u00e4uge etwas ungl\u00e4ubig ein Schild, das von ganzen 10 km bis nach Ueberlingen spricht. Ob alle Osnabr\u00fccker so schildertreu sind wie ich, wei\u00df ich nicht. In meinem Fall w\u00e4ren heute Abend\u00a0 aber gesunder Zweifel zielf\u00fchrender gewesen.<br \/>\nDie Fahrt \u00fcber Berg und Tal verl\u00e4uft anstrengend, aber zufriedenstellend. Das vermeintliche Ueberlingen, mein Zeltstandort also, r\u00fcckt auch n\u00e4her. 10 km sind schlie\u00dflich ja auch zu schaffen \u2013 und werden es.<br \/>\nDa ich nun eigentlich zu Hause sein sollte, beunruhigen mich eher unbekannte Pl\u00e4tze. War das eben mein Campingplatz? Ich beginne umher zu irren und lande am Ende an einem Bootsanlegesteg. Ja. Dort steht Ueberlingen auf einem Schiff, das gerade ablegt. Eine schw\u00e4bische Passantin kl\u00e4rt mich auf, dass das Schiff nur noch zum Heimathafen tuckert und die Besatzung dem verdienten Feierabend entgegensieht. Den g\u00f6nne ich ihnen.<br \/>\nMeine verzweifelte Frage aber, was ich jetzt tun solle, beantwortet der grinsende Gatte der Gefragten mit der drakonischen Botschaft, ich k\u00f6nne mir ja bis etwa ein Uhr des Nachts Zeit nehmen, dann k\u00f6nnte ich Ueberlingen \u00fcber einen steilen Waldberg erreichen. Die Schwabenfrau ruft entsetzt dazwischen, dies ginge ja nun gar nicht, denn ich m\u00fcsste hoch im dunklen Wald \u00fcber schmalste F\u00e4hrten crossen. Besser w\u00e4re es, zur\u00fcck nach Konstanz zu fahren und die dortige F\u00e4hre nach Mersburg zu erwischen. Sie hat wohl recht.<br \/>\nNat\u00fcrlich bedanke ich mich und radle zur\u00fcck. Die Kondition wird merklich geringer, und alle zuvor hinab gesausten Berge werden zur Qual. Aber irgendwann ist am Ende alles doch geschafft. Ich schiffe mich ein, \u00fcberquere den See via F\u00e4hre, w\u00fcrdige das h\u00fcbsche Mersburg keines Blickes und radle mit eingeschalteter Beleuchtung nach Ueberlingen. Tages-Tachostand am Ende: 140 km.<br \/>\nDem italienischen Gastwirt k\u00fcndige ich triumphierend die Prozedur des Vortages an: Ich bestelle Spaghetti mit Pizza-Brot und dusche, bis der Gute die gew\u00fcnschten Speisen serviert, welche ich hei\u00dfhungrig verschlinge.<br \/>\nEin Vorteil der unn\u00f6tigen Kiometerplackerei zeigt sich in der Nachtruhe. Der Cottbuser Zeltnachbar s\u00e4gt \u00e4hnlich viele Spreewaldb\u00e4ume ab wie in der Vornacht \u2013 aber ich schlafe deutlich besser.<\/p>\n<p><b>Mittwoch: Der Rest-See wird umrundet<\/b><br \/>\nIch nehme mir einen betulicheren Tagesablauf vor. Als Fr\u00fchst\u00fccksort erw\u00e4hle ich die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone von Ueberlingen, wo ich meinem gestressten Magen einen gro\u00dfen Kaffee zumute. Mein Organ verkraftet ihn mitsamt zweier Papp-Br\u00f6tchen, die hier scheinbar st\u00fcndlich neu geklont werden, um identisch fade zu schmecken.<br \/>\nIn Mersburg \u00fcberfallen mich erneut leichte Anf\u00e4lle eines schlechten Gewissens. Wieder verlasse ich den h\u00fcbschen Ort unbeachtet. Aber wer, wie ich, Kilometer futtern will, muss verschm\u00e4hen, was er schon einmal vor Jahren ausgekostet hat. Mersburg, seine alte Burg und das darin versteckte Arbeitszimmer von Annette von Droste-H\u00fclshoff kannte ich ja. Heute soll alles neu sein.<br \/>\nDie F\u00e4hre offenbart Beinen und Pedalen eine kurze Ruhepause. Umso konsequenter geht es danach durch Konstanz und Kreuzlingen. Das Schweizer Rest-Ufer wartet. Linksrum!<\/p>\n<p>Der Karte entnehme ich auch heute, dass Radroute und Bahnschienen strikt parallel zueinander verlaufen. Das macht den Tourenverlauf so \u00fcberraschend wie die festgestanzte Spur auf einer Carrera-Bahn. Aber egal. So erspare ich mir wenigstens die gewohnten Irrfahrten ins Nirgendwo. Und auch die Sozialkontakte zu Einheimischen, die ich sonst regelm\u00e4\u00dfig frage, wo ich eigentlich bin und hin soll, tendieren gen Null.<br \/>\nKurz vor Romannshorn begleitet mich pl\u00f6tzlich ein Parallelfahrer im r\u00fcstigen Rentneralter. Seltsamerweise verstehe ich ihn sofort, denn er spricht norddeutsch. Er k\u00e4me aus Meckpomm, Ex-DDR, berichtet er tretend. R\u00fcbergemacht zum Bodensee h\u00e4tte er schon 1989 und die alte Heimat seither verschm\u00e4ht. Nachdem ich ihn, M\u00fcritz- und Ostsee-erfahren, auf den neuesten Stand gebracht habe, trennen sich unsere Wege in Romanshorn.<\/p>\n<p>In Arbon glaube ich meinen Augen nicht zu trauen. Ich blicke pl\u00f6tzlich auf schneebedeckte Alpengipfel und auf die Sorte von Alm, die angeblich keine S\u00fcnde kennt. Daf\u00fcr ist es auch hier s\u00fcndhaft teuer. Ich verzehre f\u00fcr acht Euro einen Hot-Dog. Aber ich werde f\u00fcr den Aufpreis entsch\u00e4digt, weil ich blitzartig und unvermutet geadelt werde. \u201eIhr k\u00f6nnt auch Bratwurst bekommen. Was wollt Ihr trinken?\u201c, fragt mich die dem\u00fctig blickende Kiosk-Betreiberin. Dabei bin ich nur Singular \u2013 und fahre ratlos wie einsam weiter.<br \/>\nW\u00e4hrend sich mein Blick immer mehr zwischen Alm und Hochgebirge verf\u00e4ngt, taucht vor mir ein wei\u00df-rotes Staatswappen auf, unter dem \u201e\u00d6sterreich\u201c steht. Kurz dahinter wandelt ein gelangweilt wirkender Grenzbeamter mit angeleintem Hund. Die Kontrollma\u00dfnahme des Staatsbewachers besteht aus einem m\u00fcden L\u00e4cheln.<br \/>\nNach der verspurten und vielfach beschilderten Schweiz durchradle ich nun ein Gebiet, in dem s\u00e4mtliche Wegweiser offenbar zuvor in den Alpen verbaut worden sind.\u00a0 Daf\u00fcr vermehren sich meine ratlos gefragten Voralberger inflation\u00e4r wie wegweisend. Somit erreiche ich irgendwann doch, zufrieden mit mir und der Welt, die Landeshauptstadt Bregenz und dessen vorgelagerten Campingplatz.<br \/>\nBeim Aufbauen des Zelts beginne ich allm\u00e4hlich mit dem Ausschalten der hierf\u00fcr nicht mehr n\u00f6tigen Gehirnzellen. Meine ins Vakuum des Innenzelts geworfene Schlafrolle pustet sich eh ganz von allein auf, und ich brauche nur sp\u00e4t das Ventil drehen. Zwischendurch ordere ich per Handy f\u00fcr meine n\u00e4chste Nacht eine Jugendherberge in Friedrichshafen. Der Osnabr\u00fccker liebt es ja, wenn die Planung steht.<br \/>\nZum Abendessen begebe ich mich in einen Biergarten mit Seeblick. Geografisch am n\u00e4chsten kommen mir, einige Meter entfernt, zwei sich herzlich liebende Alt-Franzosen in Designerkluft. Film oder Werbeagentur, tippe ich, ohne zu fragen.<br \/>\nIch verputze meinen Fischsalat-Teller und begebe mich zur Nachtruhe. Vor dem Einschlafen bruzzelt mir mein Gaskocher noch schlecht verr\u00fchrte T\u00fctensuppe, die ich mit Resthunger im Schlafzelt verspeise. Dass sich die D\u00fcfte von Spargelcreme und M\u00fccken\u00f6l riechbar vermengen, st\u00f6rt mich nur etwas. Schnell m\u00fcmmele ich mich in meinen Schlafsack und bin ich tief eingeschlafen.<\/p>\n<p><b><br \/>\nDonnerstag: Von Bregenz nach Friedrichshafen<\/b><br \/>\nNoch vor dem Packen genie\u00dfe ich die ersten K\u00f6rnerbr\u00f6tchen der Reise. Der Rest ist wieder Routine und ich radle nach dem Beladen z\u00fcgig durch die Landeshauptstadt. Kaum etwas macht mich hier so neugierig, dass ich anhalten m\u00fcsste. Am Horizont taucht daf\u00fcr Lindau auf, einst k\u00f6niglich-bayerische Insel, bewacht von einem gemei\u00dfelten Marmorl\u00f6wen.<br \/>\nIch g\u00f6nne mir den seltenen Luxus des Schiebens, bis ich vor einem Biergarten s\u00fcchtig machende D\u00fcfte schnuppere. Jawohl, das ist es. H\u00e4nderl, auf Norddeutsch Grillh\u00e4hnchen! Ich lasse es mir schmecken und empfinde, was nicht h\u00e4ufig passiert, tiefe Sympathie f\u00fcr das Bayern-Land.<\/p>\n<p>Gest\u00e4rkt und auch, weil die angefutterten Kalorien ja auch wieder in die Pedalst\u00e4rke investiert werden sollen, geht es nach einem ausgedehnten Rundgang durchs St\u00e4dtchen weiter. Irgendwann liegt Bayern hinter mir, und das Schw\u00e4bische pr\u00e4gt wieder Gesehenes und Geh\u00f6rtes. Auf und ab, Berg und Tal, Seeweg oder Nebenroute: Friedrichshafen ist schlie\u00dflich erreicht, die Jugendherberge selbst f\u00fcr gewohnte Irrg\u00e4nger wie mich schnell gefunden.<br \/>\nEs ist noch fr\u00fch, als ich Zimmer wie Bett bezogen habe. Die Restzeit bis zum abendlichen EM-Spiel Deutschland-Italien soll dem L\u00fcckenschluss gelten. Erst das Durchfahren der Strecke Ludwigshafen-Mersburg vollendet die dann restlos umfahrene Seestrecke. Ich sitze also wieder, jetzt zum Gl\u00fcck ohne Gep\u00e4ck, im Sattel und trete wie gewohnt in die Pedalen.<br \/>\nDie Strecke wird leider eher grenzwertig. Beinahe bis Mersburg, rund 20 km, darf ich im Rasertempo \u00fcberholende Autos und LKWs bewundern. \u201eUmleitung\u201c oder \u201eNebenstrecke\u201c \u00fcberwiegen, das Seeufer erblicke ich bis kurz vor Mersburg selten. Dann setzt auch noch Regen ein, der einem richtigen Kerl ja nichts machen darf, aber die Fahrfreude tr\u00fcbt. Au\u00dferdem will ich ja zum Spielanpfiff wieder vor Ort in der Jugendherberge sein.<\/p>\n<p>Ich fasse den Beschluss, mit einem Linienschiff ab Mersburg zur\u00fcckzufahren und sause zum Anlege-Steg. In der Tat sehe ich ein Schiff, auf dessen Display \u201eFriedrichshafen\u201c erleuchtet. Es dampft allerdings von dannen. Der mitleidige Schiffer eines anderen Wassergef\u00e4hrts winkt mich zu sich, um mir in ungewohnt erklingendem Berlinerisch einen Tipp zu geben:<br \/>\n\u201eDet Schiff ist wech. Wennse schnell sind, k\u00f6nnen se dat noch bis Hagnau einholen!\u201c, ruft der Mann mir zu.<br \/>\nIch fackele nicht lange, drehe um und donnere los. So muss sich Radlegende Rudi Altig bei seinem ersten Etappensieg gef\u00fchlt haben. Keiner h\u00e4lt mich auf! Der Schwei\u00df l\u00e4uft. Unschlagbar! Der Tacho zeigt mehrfach gut 30 km \u2013 und schon bald habe ich den langsamen Kutter hinter mir. Am Ende muss ich in Hagnau sogar noch warten und gelangweilt, verzweifelt wie alternativlos der Ansprache eines Verlobungsredners lauschen, der mit seinen Festg\u00e4sten den Weg zum Steg verbarrikadiert.<br \/>\nDann geht es doch schneller. Das Boot legt an, ich schiebe zahlend an Bord und genie\u00dfe die letzten Kilometer See vom Wasser aus \u2013 ohne Regen.<br \/>\nIn der Jugendherberge ist es mir erlaubt, inmitten pubertierender 13-J\u00e4hriger Deutschlands Niederlage gegen den Azzuri-\u201eAngstgegner\u201c zu erleben. Ich bin weit weniger entt\u00e4uscht als die kollektiv traurigen Sp\u00e4tnachfahren meiner Generation und liege sp\u00e4ter, immer noch im pers\u00f6nlichen Triumphgef\u00fchl des souver\u00e4nen Schiffsbezwingers, in meinem Etagenbett.<br \/>\nIch schlafe, zufrieden mit mir und der Welt, ein. W\u00e4hrend die deutschen Millionenkicker heute schm\u00e4hlich alles in den Sand gesetzt haben, habe ich den Strand nach meinem ersten Land-Wasser-Kampf als stolzer Sieger verlassen.<\/p>\n<p><b><br \/>\nFreitag: Hei\u00dfes Finish in Zug und Bahnsteig<\/b><br \/>\nDer Abschied aus der Jugendherberge f\u00e4llt leicht: Es gibt wieder bescheiden mundende Papp-Br\u00f6tchen. Egal. Daf\u00fcr funktioniert das Packen schneller als beim Zeltabbau.<br \/>\nDie Zeit bis zur Zugabfahrt nutze ich endlich f\u00fcr ein Kulturereignis: Ich begebe mich in das interessant gestaltete Zeppelin-Museum und erlebe Aufstieg, Glanz und Katastrophen des Kerosin-freien Flugverkehrs. F\u00fcr mich allerdings m\u00f6chte ich Katastrophen heute ausschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Das letzte Abenteuer, das auf mich tollk\u00fchnen Rad-Reisenden wartet, sind Zug und Bahnhof. Da gilt es, die gewohnten Fragen zu kl\u00e4ren: Wo h\u00e4lt der reservierte Waggon? Ist einer f\u00fcr R\u00e4der bestimmt? Bekomme ich es zeitnahe hin, eine Trennung von Rad, Gep\u00e4ck und mir selbst infolge von aufkeimender Hektik zu verhindern?<br \/>\nLeichte Versp\u00e4tung: Der IC l\u00e4uft ein. Ich schaffe es tats\u00e4chlich, alles, trotz Gedr\u00e4nge und Geschubse, erfolgreich durch die Zugt\u00fcr zu quetschen. Bevor die Schlange hinter mir anschwillt, assistieren mir fremde, aber hilfreiche H\u00e4nde. Deshalb gewinne ich die Zeit, mein Vorderrad technisch korrekt auf einen hohen Haken unter die Waggon-Decke zu wuchten. Irgendwann ist alles verstaut, und ich kann auf dem reservierten Sitz mit Mu\u00dfe meine mitgebrachten Gefl\u00fcgelw\u00fcrstchen verschlingen, den Spiegel lesen und nebenher mit Mu\u00dfe beginnen, diesen Bericht ins Notebook zu h\u00e4mmern.<br \/>\nSpannung kommt aber wieder auf, als die Versp\u00e4tungszeit gen Umsteigebahnhof dramatische Formen annimmt. Schaffe ich das noch? Oder darbe ich irgendwann verloren in K\u00f6ln dahin?<br \/>\nEndlich! Mit allen Pl\u00fcnden ausgestiegen, habe ich gef\u00fchlte 90 Sekunden Zeit, Gep\u00e4ck, Rad und mich selbst auf das Nebengleis zu schaffen. Ein kurzer Blick dokumentiert die brutale Wahrheit: Kein freier Fahrstuhl in Sicht! Also, wie leidvoll gewohnt, das schwere Gesamtgef\u00e4hrt hochwuchten, die Riesentreppe vor mir hinunter schleppen. Unten kurz weiterschieben, dann wieder hochwuchten und \u00e4chzend mit allem die n\u00e4chste Treppe hinauf asten! Oben wieder das Gep\u00e4ck abbauen, in den gerade noch haltenden Zug bringen, danach das Rad, zum Schluss mich selbst. Uff!<br \/>\nWieder habe ich es geschafft! Diesmal mit nur zwei Schrammen auf den nackten Hacken und einem einzigen blauen Flecken auf dem Oberarm. Der Schwei\u00df des Edlen durchfeuchtet sp\u00fcrbar mein L\u00e4ufer-Shirt. Aber ich sacke beruhigt auf den bestellten Sitz und genie\u00dfe es, weiter auf dem Notebook zu schreiben.<\/p>\n<p>Als die D\u00e4mmerung aufzieht, naht der heimische Bahnhof. Das Unvertraute wird wieder vertraut. Selbst Pack- und Ausstiegsrituale laufen pl\u00f6tzlich als urgew\u00f6hnlicher, vielleicht sogar ein wenig langweiliger Wiederholungsfilm. Kein Schw\u00e4bisch mehr in der Bahnhofshalle, selbst Gemurmel klingt verst\u00e4ndlich. Verlockend die Gewissheit, dass es morgen fr\u00fch keine Papp-Br\u00f6tchen mehr gibt. Trotzdem schade, dass der Uhrzeiger hoch oben an der Bahnhofswand wieder im gewohnten Takt schl\u00e4gt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Impressionen einer Radtour zwischen Donau und Bodensee\u00a0 Wieso eigentlich? Es gibt Zeilen, die haben eigentlich gar nichts mit Osnabr\u00fcck zu tun. 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