{"id":38,"date":"2015-12-19T17:52:17","date_gmt":"2015-12-19T17:52:17","guid":{"rendered":"http:\/\/schulze.geest-verlag.de\/?p=38"},"modified":"2015-12-19T17:52:17","modified_gmt":"2015-12-19T17:52:17","slug":"new-york-new-york","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schulze.geest-verlag.de\/?p=38","title":{"rendered":"New York &#8211; New York"},"content":{"rendered":"<div style=\"text-align: left;\">\n<div align=\"center\"><b>Notizen einer Reise vom <\/b><\/div>\n<div align=\"center\"><b>3. bis zum 10. Oktober 1995<\/b><\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><b>\u00a0<\/b><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><b>\u00a0<\/b><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><b>Teilnehmer:<\/b><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><b>\u00a0<\/b><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><b>Wolfgang Elbers<\/b><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><b>Joachim Groneberg<\/b><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><b>Heiko Schulze<\/b><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><b>\u00a0<\/b><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\"><b><br clear=\"all\" \/> <\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><b>Dienstag, 3. Oktober<\/b><\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Morgens um 9.15 Uhr bimmelt es bei Schulzes. Absprachegem\u00e4\u00df f\u00e4hrt Chauffeur Joachim mit seinem Mercedes vor. Heiko f\u00e4llt der Abschied von der Family zwar ein wenig schwer, doch die Reiselust w\u00e4chst mit der aufkeimenden Neugier.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nach einem kurzen Stop im ON-B\u00fcro wird Wolfgang in der Uhlhornstra\u00dfe samt Gep\u00e4ck zugeladen. Der Redakteur wird gut behandelt &#8211; schlie\u00dflich ist er ungemein sprach- und ortskundig.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Ankunft am Amsterdamer Flughafen beginnt mit der Stellplatzsuche, die auf der Nummer P3L2 endet. Nach dem Busfahrt und dem Einchecken beginnt die von Wolfgang bereits warnend angek\u00fcndigte Wartezeit. Irgendwie schien er mit seiner Empfehlung einer etwas sp\u00e4teren Abreise doch Recht gehabt zu haben. Am fr\u00fchen Nachmittag startet die Martin-Air-Maschine, wonach sich Wolfgang im Underdog-Abteil einen nachbarlosen Fensterplatz chartert.. Das Osnabr\u00fccker Trio war urspr\u00fcnglich auf drei Mittelpl\u00e4tze gesetzt worden. Und da Alice per Fraktionsorder angewiesen hatte, Heiko m\u00fcsse in jedem Fall immer in der Mitte bleiben (\u201eErschossen werden immer zuerst die \u00c4u\u00dferen. Heiko mu\u00df in die Mitte, denn den brauchen wir noch, bei den anderen bin ich mir da nicht so sicher&#8230;\u201c), mu\u00df der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer mit der geringsten Sitzfl\u00e4che Vorlieb nehmen.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Flug dauert und dauert. Am Ende sind es gute acht Stunden. Dramaturgische H\u00f6hepunkte sind die von Stuardessen gereichten Nahrungsmitteln, Monitoranzeigen zu Flugzeugdaten und Reiseverl\u00e4ufen. Lediglich f\u00fcr Heiko, der sich erst zum zweiten Mal in die L\u00fcfte erhoben hat, ist die monotone Sache etwas spannender. Begrenzte Intellektuelle Kapazit\u00e4ten werden beim Ausf\u00fcllen von Zollerkl\u00e4rung und Einreisevisums-Karte abverlangt. Glaubhaft versichern die Osnabr\u00fccker, da\u00df sie nicht gedenken werden, sich dauerhaft in New York niederzulassen und dort zu arbeiten. Nicht einmal ein Verbrechen wollen Redakteur, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer und Hilfspfleger begehen.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Dank Wofgangs Offerte darf Heiko den Zielanflug ab Maine vom Fenster aus beobachten. Mit leuchtenden Augen beobachtet er das Schwinden der Wolken und die braun eingef\u00e4rbten Gebirgsschluchten von Maine, und aus den f\u00fcr schlappe 6 $ erstandenen Mehrweg-Kopfh\u00f6rern s\u00e4uselt John Denver von der Sch\u00f6nheit Amerikas. So traumhaft hatte sich Heiko die erste Begegnung mit dem unbekannten Kontinent auch insgeheim vorgestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Schlie\u00dflich erstetzt Gestein die Landschaft. Erste New Yorker Luftperspektiven sind zwar noch nicht Manhatten, aber unverkennbar die Zielstadt.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Ankunfts-Ortszeit ist kurz nach 18 Uhr: Abschnallen, Schlangebilden, raus aus dem Flieger. Der kritische Blick diverser, zumeist schwarzer Pa\u00dfbeamter wird \u00fcberstanden, der Ku\u00df des &#8211; irgendwann gegen 19 Uhr betretenen &#8211; Bodens wird allerdings dem nachreisenden Papst \u00fcberlassen, der schon des \u00f6fteren &#8211; Osnabr\u00fcck, Gelsenkirchen und jetzt New York &#8211; auf Heikos Spuren gewandelt ist.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Bemerkenswerter als der US-Boden ist zun\u00e4chst die Luft. Schon das Temperatur-Info im Flieger hatte angek\u00fcndigt, was erste Schwei\u00dfperlen dokumentieren: eine Reise vom Fr\u00fchherbst ins summer-feeling.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Kurzes Warten auf den Bus der Autoverleih-Firma Budget, Einstieg, Ausstieg &#8211; und der Hilfskn\u00fcddel-Redakteur erledigt souver\u00e4n die Ausleih-Formalia f\u00fcr unseren pinkfarbenen Chrysler, bei dem Heiko die Haltegurte Probleme bereiten. Routiniert und zielgerichtet dr\u00fcckt der Journalist in die Eisen.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Erste Eindr\u00fccke von Newark, von dem aus es via Freeway gen New York geht. Auff\u00e4llig, wenn auch aus zahllosen Filmen bekannt, wirken am Stra\u00dfenrand riesige Reklametafeln.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Auto-Feeling ist zwar irgendwie vertraut, aber auch ein wenig anders: fremdartige Schilder und Abfahrten, achtspurige Schnellstra\u00dfen. Gut, da\u00df der Redakteur sich in dem Gewirr einigerma\u00dfen auskennt. Und der SPD-Autobanner wundert sich, da\u00df es im Verkehrschaos doch irgendwie z\u00fcgig vorangeht. Ein kalter Schauer durchzieht ihn, nachdem er im Halbschlaf Wolfgangs angedrohte ON-Recherchen vor sich sieht, nach denen die New Yorker Parkuhren weit billigeres Halten erlauben als die in Osnabr\u00fcck. Der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer \u00fcberlegt schon Strategien, wie daheim auf solche Enth\u00fcllungen reagiert wird. Motto: Dann isses eben aus mit nicht\u00f6ffentlichen Infos, basta!<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Absteige-Suche findet wiederum ein recht schnelles Ende. Im YMCA-Geb\u00e4ude in der 63. Stra\u00dfe West &#8211; direkt an der Ecke links-unten am Central Park &#8211; wird Quartier genommen. Der Hilfspfleger darf in ein Einzelzimmer. Redakteur und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer verteilen sich auf das Unten und Oben eines bescheiden aussehenden Etagenbetts, das sich die wenigen Quadratmeter des Zimmerchens mit einem Tisch und einem Stuhl teilt. Dennoch ist die gesamte Osnabr\u00fccker Delegation zufrieden: Ein Schlafplatz ist gefunden, und der TV unter der Decke flimmert erste farbige Studien \u00fcber den American Way, wobei ein hei\u00dfer Wettbewerb zwischen Programm- und Werbeminuten zu herrschen scheint. Jedoch gibt die festgeschraubte Glotze zum Entsetzen der infohungrigen \u201eVisiter\u201c schon nach kurzer Zeit den Geist auf. Der hurtig herbeieilende \u201eEngeneer\u201c reduziert seine Fachkenntnis auf das R\u00fctteln an den Anschlu\u00dfkabeln und bietet den davon sprachlosen Touris zwei alternative Zimmerschl\u00fcssel, woraus ein erster Umzug folgt.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">F\u00fcr das Sp\u00e4tabendprogramm hat Wolfgang sofort den ersten Szene-Tip: Eine Autofahrt f\u00fchrt durch die beleuchteten City-Stra\u00dfen, dann \u00fcber den Broadway, um in Soho (South of Houston) das szenetypische Ludlov-Cafe\u2019 zu inspizieren. Irgendwie eine Mischung aus Kreuzberg und Unicum mit multikultureller Umgebung. Zur Livemusik verspeist Heiko H\u00e4hnchenbrust mit Kartoffelbrei, Wolfgang und Joachim machen sich \u00fcber einige Chicken-Wings her, auf die der breikauende Heiko wiederum einige neidische Blicke wirft. Den musikalischen Backround bilden bisher unentdeckte Talente, f\u00fcr deren Auskommen nebenher im Bierglas gesammelt wird. Nach dem letzten Schluck US-Bier, das sich die G\u00e4ste aus einem Glaskrug teilen, geht es heimw\u00e4rts in die Schlafkammern der Absteige, f\u00fcr die zusammen pro Nacht rund 105 Dollar zu entrichten sind. Unterwegs verarbeiten wir noch das Bild einiger Nichtse\u00dfhafter und das eines Ladenbesitzers, der direkt und f\u00fcr alle sichtbar hinter seinem Schaufenster n\u00e4chtigt. Good Night, New York!<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\"><b>Mittwoch, 4. Oktober<\/b><\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">W\u00e4hrend Hilfspfleger und Redakteur sich noch darauf konzentrieren, die Urlaubsstadt tr\u00e4umerisch vorzuerleben, erf\u00fcllt sich der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer kurz nach halb sieben einen uralten Jogger-Traum. Auf seinen Nike-Schuhen erlebt Heiko das aufwachende New York im Central-Park. Der Ursprungsplan, mitten in den gr\u00fcnen Park hineinzulaufen, wird allerdings schnell durch den Herdentrieb ersetzt, aufgrund dessen sich der Gastl\u00e4ufer einer volkslaufverd\u00e4chtigen Masse an Mitrunnern anschlie\u00dft und mit diesen durch die Au\u00dfenstra\u00dfe des Parks hechelt. Fear of crime? Heiko doesn\u2019t know. Nach rund 20 Minuten ist ein See erreicht, der sich Tage sp\u00e4ter als das ber\u00fchmte \u201eReservoir\u201c entpuppt, welches schon Marathon-Man Dustin Hoffmann auf der Leinwand umkurvte. Die Mitjogger werden vom wahrscheinlich einzigen L\u00e4ufer aus der Dodesheide mit Staunen beobachtet: viele junge Frauen, zumeist mit Walkman, zumeist wei\u00dfe M\u00e4nner aller Altersgruppen, einige langsamere Mitmenschen walken.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zur\u00fcck im Zimmer und aus der anschlie\u00dfenden, bescheiden ges\u00e4uberten Dusche zieht Heiko Kaffee und K\u00e4seomelett der Beobachtung eines tief schlummernden Redakteurs vor. Auch vom Hilfspfleger ist noch nichts zu sehen, so da\u00df sich der letzte Osnabr\u00fccker Arbeitersportler mitsamt Dumont-New-York-F\u00fchrer zum erste Breakfast in die Fr\u00fchst\u00fccksraum verzieht.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Kurz vor High Noon kommt es dann zum Aufbruch. Auf uns wartet eine mehrst\u00fcndige Erwanderung markanter Downtown-Ecken: Chinatown, Little Italy, Greenich Village mit Kaffeepause, erster Shopping-Rausch, der den Running Hero gleich zum Kauf zweier Jeans animiert. Kulturelles Highlight sind echte Penis-Nudeln, f\u00fcr die mit der Kochanleitung \u201eheat them and they grow\u201c geworben wird.\u00a0Zur\u00fcck im YMCA, versuchen sich Wolfgang und Heiko einmal mehr mitsamt Engeneer an der Zimmerglotze &#8211; doch das Fernsehgl\u00fcck w\u00e4hrt nur kurz, die YMCA-Engineers scheinen andere Schwerpunkte zu haben.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Abends packt Wolfgang das Baseball-Fieber, und er verdr\u00fcckt sich zur letzten Yankee-Party in die Bronx. Playoff-Spiel gegen Seattle.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">In Unkenntnis der Regeln und des atemberaubenden Flairs &#8211; das Publikum verabschiedet das Home-Team nach Mitternacht mit standing ovations und New York &#8211; New York &#8211; Ch\u00f6ren &#8211; ziehen Heiko und Joachim ein Thai-Dinner vor. Echt lecker und &#8211; selbst f\u00fcr Heiko &#8211; ungemein viel. Wenn auch das US-amerikanische System der Bezahlung der Angestellten im Service dazu f\u00fchrt, da\u00df einem nach Verschlingen des letzten Bissens sofort der Teller unter der Nase weggezogen wird &#8211; was dem Hilfspfleger unangenehm aufst\u00f6\u00dft &#8211; zumal 30 Sekunden sp\u00e4ter bereits die Rechnung auf dem Tisch liegt. Time is money und nur ein hungriger Gast bringt Umsatz&#8230;<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Am sp\u00e4teren Abend haben die beiden dann ein unverge\u00dfliches, epochales Kino-Erlebnis. Im Sony-Theater gibts \u201eThe Wings of Courage\u201c, ein 3-D-Film \u00fcber einen 20er-Jahre Piloten, der zun\u00e4chst irgendwelche vereisten Andenberge durchfliegt und nach dem obligatorischen Absturz im Kino herumzukreuchen scheint. Echt geil. Die 3-D-Projektion und spezielle Akkustikelemente via Kopfh\u00f6rer lassen nur noch Geruch und K\u00e4ltegef\u00fchl vermissen &#8211; so hautnahe echt ist die Riesenleinwand-Attraktion. Heiko greift zuweilen vergeblich nach irgendwelchen Gegenst\u00e4nden, doch auch dem verzweifelt umherkrabbelnden Pilot kann er trotz greifbar nahe scheinender Distanz nicht helfen. Doch am Ende wird der nat\u00fcrlich happy-end-m\u00e4\u00dfig gerettet.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Auf dem Heimweg philosophieren die frischproduzierten Medienexperten \u00fcber die zuk\u00fcnftige Kinowelt. Ergebnis des Fachgespr\u00e4chs: Lust auf mehr, auch ein wenig Besorgnis \u00fcber die Projektion einer Traumwelt, die attraktiver als die Wirklichkeit gemacht werden kann. Good night, young cineasts.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\"><b>Donnerstag, 5. Oktober<\/b><\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Obwohl der YMCA-Kraftraum tags zuvor zum Treff- und Schwitzpunkt auserkoren worden war, ist am fr\u00fchen Morgen weder vom Redakteur noch vom Hilfspfleger etwas in dieser Hinsicht zu vernehmen. Beide verpassen so auch Heikos Begegnung mit einer Frau, die sich f\u00fcr ihre Parkwanderung einen aufgeblasenen Mann mit vibrierendem Ku\u00df-Mund unter den Arm geklemmt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nach seinen mittlerweile \u00fcblichen Runden im Central-Park trifft der zur\u00fcckgekehrte Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer auf tief schlafende Mitfahrende, worauf auch der letzte Versuch gemeinsamer K\u00f6rperert\u00fcchtigung kl\u00e4glich scheitert. Allerdings l\u00e4\u00dft sich der Newspaper-Man wenigstens auf ein Besichtigungsdate ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Tag hatte nur f\u00fcr den &#8211; nunmehr schon erfahrenen &#8211; Central-Park-L\u00e4ufer trocken begonnen. Doch nach Heikos second Becher coffee pl\u00e4stert es. Umso schneller f\u00e4llt die Entscheidung zugunsten eines Museumstages mit paralleler Stadterkundung. Das Kunsterlebnis wird ebenso reich wie vielf\u00e4ltig. Am Guggenheim-Museum ist zun\u00e4chst \u201egeschlossene Gesellschaft\u201c angesagt. Nur die eingeladene Weltpresse darf eine Claes-Oldenburg-Austellung begutachten. Doch der Redakteur kennt weder Respekt noch Angst: Selbstbewu\u00dftes Vorzeigen der &#8211; in New York offensichtlich einschl\u00e4gig bekannten &#8211; ON-Visitenkarte, kurzer Hinweis auf zwei mitgebrachte Ressort-Kollegen, und Osnabr\u00fcck nimmt am Medienereignis teil. Vor allem Heiko freut sich \u00fcber kostenlosen Kuchen und st\u00e4ndig refillbarem Kaffee. Die beiden anderen Kunstinteressierten m\u00fcssen ihn dagegen zuweilen daran erinnern, da\u00df der Guggenheim-Aufenthalt nicht ganz so lange zu dauern braucht wie die Erstellung der dort demonstrierten Malerei- und Plastikvielfalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">W\u00e4hrend der sozialdemokratische Kulturbeauftragte noch im Auto gedankenverloren \u00fcber die Impressionisten, Expressionisten, Kubisten und Pop-Artisten nachsinnt und Joachim ein weiteres Mal vergeblich nach Streetworkern sp\u00e4ht, h\u00e4lt\u00a0der international renommierte Redakteur schon vor dem Whitney-Museum. Hinein geht es zu einer Edward-Hopper-Ausstellung, zu der ein Riesenandrang herrscht. Hopper vermittelt nicht nur handwerklich perfekte Malerei, sondern einen auch f\u00fcr Touristen nachvollziebaren Einblick in die US-World: anonyme, stets kommunikationslos postierte, anonyme oder rollenverhaftete Personen, Einsamkeit und Pessimismus. Auch der Leiter der Lehrk\u00fcche im Haus der Jugend ist restlos begeistert.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine junge Schwarze macht den zarten Versuch, mit dem Hilfspfleger ihre Impressions auszutauschen. Doch das vielversprechende Communikations-Project scheitert am Mini-Wortschatz des OS-Exports. Sp\u00e4ter im Auto heitern sich Joachims traurige Augen erst dann ein wenig auf, nachdem ihm Heiko f\u00fcr das n\u00e4chste Mal die \u00dcberlassung seines mitgebrachten \u201eMindestwort\u00adschatzes\u201c angeboten hat.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Mittagessen ist bei \u201eKats\u201c, einem legend\u00e4ren New Yorker Futter-Treff, Deli genannt, in dem Heiko sich mit tierischer Salami vers\u00fcndigt, die wie Bierwurst schmeckt und &#8211; 20 cm \u00fcbereinandergestapelt und nat\u00fcrlich koscher &#8211; zwischen zwei Brotscheiben hinausquillt. Kompensiert wird der Fleischschock durch das originelle Innere des Speisesaals, in der die Aufforderung \u201eSend a salami to your boy in the army\u201c unter der Decke h\u00e4ngt und dereinst Szenen f\u00fcr den Kultfilm \u201eHarry und Sally\u201c mitsamt der ber\u00fchmtgewordenen Orgasmus-Demonstration gedreht wurden.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Am fr\u00fchen Abend einige Autostudien von der Innenstadt, wobei besonders die 5th Avenue an Bombastit\u00e4t kaum zu \u00fcberbieten ist. Danach ist &#8211; es ist schon ein wenig dunkel &#8211; das Museum for Modern Art angesagt, das &#8211; neben einer Reise durch die allgemeine junge Kunstgeschichte &#8211; mit einer Piet-Mondrian-Ausstellung aufwartet. Eine imposante Entwicklungsstudie \u00fcber einen niederl\u00e4ndischen Maler, der sich vom Expressionisten allm\u00e4hlich zu einem abstrahierenden \u201eExperimenteur\u201c f\u00fcr Linien und Farbfl\u00e4chen entwickelt. Nur Joachim schaut ratlos drein. Selbst die &#8211; mit leuchtenden Augen vorgetragenen &#8211; Hinweise von Heiko, bei Mondrian werde bildnerisch so etwas wie Rhytmus ausgedr\u00fcckt, tr\u00f6stet den Hilfspfleger nicht, der sich lieber auf den akkustischen Rhytmus irgendwelcher Rockbands konzentriert.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Am sp\u00e4teren Abend studiert Joachim \u00f6rtliche promillehaltigen\u00a0Kommunikationszusammenh\u00e4nge &#8211; gegen den Widerstand des Regens, der mit seiner wolkenbruchartig hinabst\u00fcrzenden Feuchtmasse selbst die schwarzen Stiefel des Hilfspflegers unter Wasser setzt, w\u00e4hrend sich Journalist und Parteisekret\u00e4r in \u201eUsual Suspects\u201c begeben, einen recht brutalen Kinofilm in Pulp-Fiction-Manier, der ab Januar 96 in Germany startet, begeben. Bei Papaya-Saft und Hotdogs gelingt es Heiko anschlie\u00dfend, sein Understanding zahlreicher Filminhalte zu vervollst\u00e4ndigen.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><b>Freitag, 6. Oktober<\/b><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Nachdem Heiko endg\u00fcltig erfahren hat, da\u00df er schon zweimal an Dustin Hoffmanns Reservoirs-See gerannt ist, st\u00fcrzt er sich gleich wieder in gewohnter Fr\u00fche &#8211; kurz vor 7 Uhr &#8211; hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Fr\u00fchst\u00fcck wird nach einer kurzen Stadttour im Empire-Diner, einem nahezu typischen Thekenimbi\u00df mit blankgebohnerter Theke, eingenommen. Heiko versteht die Welt nicht mehr, nachdem er auf seine gew\u00fcnschte E\u00dfkombination von Eieromlette, Kaffee und Vanilleshake fragende Blicke erntet.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Nach der Abgeltung mit den obligatorischen Dollarscheinen ist f\u00fcr Joachim und Heiko erstmals Country-time angesagt, denn der Indian Summer ruft. Wolfgang kutschiert die Delegation \u00fcber Westshore-Drive und Bronx, und ruckzuck wird mit Conneticut nach NY-State sicher der zweite US-Staat durchfahren.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Allm\u00e4hlich beginnt das fr\u00fchherbstliche Landschaftsfarbenspiel in Gestalt gelb-roter Bl\u00e4tter zu gr\u00fc\u00dfen &#8211; wenngleich das sp\u00e4tsommerliche Alt-Gr\u00fcn noch eindeutig \u00fcberwiegt. Helle Farbtupfer in der Landschaft bieten die zumeist wei\u00dfgestrichenen Holzh\u00e4user, die uns von nun an am Stra\u00dfenrand begleiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Redakteur doziert einmal mehr von den weltumspannenden Breitengraden, nach denen Washington in der H\u00f6he Siziliens, New York in der Neapels, Boston in der von Rom liegt. W\u00e4hrend Heiko aus dem Staunen nicht mehr herauskommt, killt der Hilfspfleger jede romantische Regung, indem er feststellt, er h\u00e4tte den Indian Summer schon recht oft in Bad Eilsen gesehen. So killt man feeling.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Unterwegs verteilt Heiko trotzdem und trotzig seine entliehenen Reisef\u00fchrer aus dem unersch\u00f6pflichen Fundus seines HBV-Leinensacks.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Neuengland hat auch ein New-London, wo wir die erste Zwischenstation mit Coffee, Shrimps, Kakao und Eis garnieren. Joachims Fotos halten denkw\u00fcrdige Momente einer Uferidylle mit Sitzecke, Segelboothafen und nicht ganz so sch\u00f6nem Fabrik-Hintergrund fest.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Die n\u00e4chsten Kilometer f\u00fchren durch Rest-Conneticut, Rhode-Island und Massachussets, wo uns das vereinbarte Ziel \u201eCap Cod\u201c &#8211; eine Halbinsel mit ihrer Hauptstadt Province-Town erwartet. Bemerkenswert ist die Fahrt \u00fcber monstr\u00f6se Kanal- oder Flu\u00dfbr\u00fccken, die einen weiten Blick ins Land gew\u00e4hren. Im Dunkeln finden wir ein nettes Motel. Das Dreierzimmer verspricht vom ersten Stock aus einen netten Blick aufs Meer. Heiko verknotet zun\u00e4chst seine mitgebrachten nassen Laufklamotten auf einer Holzveranda, wo sie im kalten Seewind eifrig flattern.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nach der durch Fernsehbilder angereicherten Relaxpause begeben wir uns sodann in die City von Province-Town. Der \u201ebunte Szene-Treffpunkt\u201c (Reisef\u00fchrer) entpuppt sich als Gay-Hochburg, und so findet sich neben typischen Touri-Angeboten eine bemerkenswerte Schwulen-, Lesben- und Tuntenszene ein. Das leibliche Wohl wird bei einem Mexikaner befriedigt, dem offensichtlich nicht nur am \u201eTip\u201c gelegen ist, weswegen sich in der Delegation die Bef\u00fcrchtung breitmacht, ob man auch gen\u00fcgend Mittel gegen m\u00e4nnlichen Anmache aufbringen kann &#8211; wobei Heiko allerdings am meisten mit seinem eishaltigen und schneeweiz \u201efrozen Margaritta\u201c zu k\u00e4mpfen hat.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Nach der Heimkehr ins Motel werden Hilfspfleger und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer anhand von Fernsehbildern weiter in Sachen Baseball geschult, nachdem Heiko sich durch Hinweis auf seine L\u00e4nge ein Doppelbett gesichert hat. Hilfspfleger und Newspaper-Man kommen sich derweil in Parallellage n\u00e4her und gew\u00f6hnen sich daran.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Des Nachts d\u00fcrfen Joachim und Heiko &#8211; getrennt voneinander &#8211; die ersten sinnlichen Erfahrungen mit Wolfgangs &#8211; rhytmisch vorgetragenen &#8211; S\u00e4gewerksger\u00e4uschen machen, und vor allem der Hilfspfleger durchlebt eine recht harte Nacht.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><b>Samstag, 7. Oktober<\/b><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Tief beeindruckt von den Redakteurslauten ist auch Heiko, den am fr\u00fchen Morgen wirklich nichts mehr davon abhalten kann, \u00fcber Strand und Strandstra\u00dfen durch P-Town und zur\u00fcck zu rennen. Mitgenommen werden kulturelle Highlights wie eine Pilgrims-Father-Tafel und ein im altitalienischen Stil errichteter Campanile.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Am Motel-Strand stemmt der Runner noch einmal kraftvoll ein abgelegtes Gewicht, sch\u00fcttet Coffee in sich hinein und wartet geduldig auf die wachd\u00e4mmernden Landsleute. Nach dem Packen wird gezahlt und per Verbrennungsmaschine in die City gebrummt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Fr\u00fchst\u00fcck &#8211; Heiko verspeist erstmals landes\u00fcbliche Weizenpfannkuchen &#8211; und Shopping finden leider im Regen inmitten von Rentnern und Schwulen statt. Das Wetter ist so schlecht, da\u00df es sich zu aller Leidwesen nicht lohnt, im Hafen eines der \u201eWhale-Watch-Boats\u201c zu besteigen. Insbesondere der in Schulzeiten begeisterte Fauna-Fan Joachim ist tief entt\u00e4uscht. Zu reduzierten Preisen werden so manche Textilien erstanden. Heiko erfreut sich m\u00e4\u00dfig an seiner neuen, vor Regen sch\u00fctzenden lila Baseballm\u00fctze mit der Aufschrift \u201eCape Cod\u201c. Doch nun ab in den Pinki-Chrysler und auf in Richtung Boston!<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Zuvor sch\u00fctteln Hilfspfleger und Journalist ausdauernd mit dem Kopf, als Heiko auf dem Wege &#8211; der legend\u00e4re Ort hei\u00dft Plymouth &#8211; die dort vor Anker liegende \u201eMayflower II\u201c besichtigen m\u00f6chte. Mit strahlendem Blick durchstreift der Altschiff- und Historienfan die Schiffsplanken inmitten anderer Touristen und studiert das nachgestellte Leben an Bord. Er kennt sich sehr gut aus, denn die Mayflower hat er &#8211; lange vor seiner Juso-Zeit &#8211; h\u00f6chstpers\u00f6nlich als Airfix-Bausatz zusammengeleimt. Nach der Constitution, die in Boston vor Anker liegt und dem Ex-Bastler leider entgehen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nun denn: Das historische Vorg\u00e4ngerschiff der Mayflower baut dennoch auf, denn es beherbergte dereinst die Pilgrims Fathers und &#8230; N\u00e4heres ist einem Sonderband mit der Auflage eines Exemplares zu entnehmen, mit dem der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer h\u00f6flicherweise au\u00dfer sich selbst niemanden bel\u00e4stigen will. Die Begeisterung h\u00e4lt sich zu diesem Thema n\u00e4mlich offenkundig in Grenzen. Auch deshalb verleiten die g\u00e4hnenden Blicke von Wolfgang und Joachim alsbald zur Weiterfahrt.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Boston, die Hauptstadt von Massachussets, erscheint schon auf den zweiten Blick sehr anders als New York. Roter Backsteinbau, viele begr\u00fcnte Stra\u00dfen mit niedrigstockigen Bauten und altenglische H\u00e4user atmen einen guten Touch Europa, was sich durch imponierend viele und vor allem \u00e4u\u00dferst belebte Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen best\u00e4tigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">W\u00e4hrend es den Redakteur sofort zu einem Open-Air-Festival in den Stadtpark zieht, durchstreifen Hilfspfleger und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer die zwar regnerischen, dennoch absolut belebten Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfen. Der zuweilen hungrige Heiko ordert gleich zu Beginn eine Handpizza, wobei er ein paar \u00fcberaus nette, mit flirtendem Augenaufschlag hinges\u00e4uselte S\u00e4tze von dem schwarzen Mann im Service h\u00f6rt, der anscheinend Heikos Cape-Cod-M\u00fctze kennt und sch\u00e4tzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer kompensiert diese Kommunikation anschlie\u00dfend mit einem frozen Joghurt in der Markthalle. Sp\u00e4testens danach w\u00e4chst bei Hilfspfleger und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer die Sehnsucht nach dem Journalisten, und sie brechen hurtig gen Stadtpark auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dort singt Bruce Hornsby vor einem begeisterten Publikum.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Heiko hechelt inmitten der Kl\u00e4nge zu einem Baum und entrei\u00dft diesem ein Ahornblatt mit Indian-Summer-Farben, welches der Spezialdemokrat fortan in den Seiten eines Reisef\u00fchrers plattdr\u00fccken l\u00e4\u00dft. Endlich besitzt die Literatur einen tiefen Sinn.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein kurzes Pallaver nach dem Concert endet mit der gemeinsamen Zielsetzung, noch am Abend gen New York zur\u00fcckzufahren und auf dem Wege dorthin in einem Motel zu n\u00e4chtigen. W\u00e4hrend der Mieselregen auf die Autofenster pl\u00e4tschert und sich jedermann ein wenig selbstkritisch fragt, ob sich die Bostontour in dieser Form gelohnt hat, entladen sich erste Spannungen in einer verkehrspolitischen Diskussion, bei der Heiko f\u00fcr hohe Benzinpreise votiert, um sich irgendwann aus der &#8211; von Wolfgang und Joachim zuweilen sehr geliebten &#8211; Autogesellschaft zu verabschieden. Doch der Disput verl\u00e4uft zusehends friedlicher, da gemeinsam nach einer danach auch wahrgenommenen Imbi\u00dfgelegenheit (Pizza) in der Provinz,\u00a0einer f\u00fcr den Redakteur lebensnotwendigen Zeitung sowie nach Schildern f\u00fcr ein Motel gesp\u00e4ht wird. Letzteres findet die Delegation dann auch sp\u00e4tabends in der Hauptstadt von Conneticut, im weitl\u00e4ufigen Hartfield. Der Preis f\u00fcr das ansprechende Zimmer inclusive TV mit &#8211; nicht ganz jugendfreiem &#8211; \u201ePfleger-Kanal\u201c ist schlappe f\u00fcnfzig Dollar.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die ersten Teil der Nacht verbringt der Redakteur im Kino, der Pfleger mit K\u00f6stlichkeiten aus dem Liquor Store und der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Beginn an schlafend.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><b>Sonntag, 8. Oktober<\/b><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Auch diesmal begrenzt Heiko seine Schnarch-Lauschzeit, die Joachim durch giftgr\u00fcne Ohrstopsel abmildert. Der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer schlendert die erste Stunde durch den Vorort und verspeist in der n\u00e4chsten ein chinesisches K\u00e4seomlette mitsamt einiger refilled Coffees. Anschlie\u00dfend verkriecht er sich ins Auto, um in der Literaturtasche nach Ideen f\u00fcr weitere Stationen zu w\u00fchlen. Nebenbei vertieft sich der fr\u00fchere Plastik-Reeder sehns\u00fcchtig in ein am Vortage erstandenes Foto-Buch \u00fcber die Mayflower.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Die gemeinsame Folgemahlzeit ist einige Viertelst\u00fcndchen sp\u00e4ter ein anderes Schnellrestaurant, in dem Heiko &#8211; f\u00fcr ihn recht un\u00fcblich &#8211; dankend eine klebrige Gummitorte liegenl\u00e4\u00dft.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">New York empf\u00e4ngt die Anreisenden nach mehrst\u00fcndiger Tour im Outfit von Bronx und Haarlem. In Manhatten hagelt es zun\u00e4chst Hotel-Absagen, worunter selbst der YMCA f\u00e4llt. Gegen 15 Uhr ist endlich das Hotel Belvedere gefunden, das der Delegation f\u00fcr die verbliebene Zeit pro Nacht 105 Dollar kostet.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">W\u00e4hrend Wolfgang auf der Jersey-Seite Shopping macht, zieht es Heiko und Joachim zur Brooklyn-Bridge, die einen imposanten Eindruck vermittelt. Kurze M\u00e4rsche durch die Wallstreet, am Clinton Castle, dem Korea-Mahnmal und den Touri-Schiffsanlegestellen vermitteln den beiden einen ersten Eindruck von Manhattens K\u00fcste. Der Redakteur sucht derweil nach Textilien und murmelt st\u00e4ndig von Wiedergutmachungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Abends wird Nippon-Essen bei einem Japan-Imbi\u00df eingenommen, danach ein kurzes Bier in einem typischen Pub- und ab gehts ins Zigfeld, ein gigantisches altes Kino mit viel Pl\u00fcsch und Platz f\u00fcr 1500 Besucher. Heiko ordert mal wieder Kaffee und Eis, der Redakteur lehnt das im Gang feilgebotene Popcorn ab. Joachim entzieht sich g\u00e4nzlich allen Konsumgel\u00fcsten und genie\u00dft den Film \u201eStrange Days\u201c &#8211; eine Zukunftsvision 1999 &#8211; pur.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wolfgang kommt nach dem Abspann und einem Kneipenbesuch die z\u00fcndende Idee f\u00fcr ein ganz spezielles Nachtprogramm: Um zwei Uhr drei\u00dfig begibt sich die Truppe auf die Staten-Island-F\u00e4hre, um New York einmal vom Wasser aus bei Nacht zu sehen. Altvertraute\u00a0Film- oder Postkartenmotive werden von Heiko und Joachim erstmals sinnlich und recht nachhaltig erfahren. Der Journalist lehnt sich derweil selbstzufrieden an die Schiffswand, hat er den anderen Provinzlern doch wieder einmal etwas mehr von der gro\u00dfen weiten Welt gezeigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Um vier Uhr drei\u00dfig kehren die Eindrucksreichen ohne Wolfgang ins Hotel zur\u00fcck, um sich noch eine Wele dem hochspannenden TV-Vortrag des britischen Labour-Chefs Tony Blair zu widmen, den Heiko nervig nichtssagend, Joachim schlicht langweilig empfindet. Erstaunlicherweise schl\u00e4ft der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer, dem sonst selbst der aktionsreiche Pfleger-Kanal irgendwann die Augen zudr\u00fcckte, nicht ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Erst ganz furchtbar sp\u00e4t &#8211; und f\u00fcr niemanden so recht bemerkbar &#8211; kehrt der Redakteur aus dem Nachtleben zur\u00fcck, plumpst ins Bett und stellt sein S\u00e4gewerk an.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><b>Montag, 9. Oktober<\/b><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Heiko startet seinen lang ersehnten Central-Park-Morgenlauf mit einem Run \u00fcber den Broadway, was inmitten einer Stra\u00dfenszene mit bunten Typen, Rollerscatern und Mountainbikern nichts Auff\u00e4lliges besitzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Hotel kl\u00e4rt der &#8211; sich jetzt endg\u00fcltig topfit f\u00fchlende &#8211; Roadrunner mit den noch halbschlafenden Zimmergenossen ab, da\u00df die n\u00e4chsten Stunden bis rund 17 Uhr den Einzelinteressen gewidmet sein soll.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Bewaffnet mit seinem innig geliebten Reisef\u00fchrer, begibt sich der erlebnishungrige Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer zur S\u00fcdspitze Manhattens. Die U-Bahn-Fahrt hat etwas leicht Abenteuerliches, denn Heiko verpa\u00dft eine Aussteigeaufforderung des Traindrivers, so da\u00df er nach einigen Haltepausen nicht direkt am Ufer, sondern an der Rector-Street aussteigen mu\u00df. Macht ja nix.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Interessant wird ein kurzes Schlendern \u00fcber eine multikulturelle Ansammlung diverser E\u00dfst\u00e4nde, wo der durch Wasserverlust Durstige zum Genu\u00df eines Papaja-Safts animiert wird. Nach der Einnahme von Pizza und refilled Coffee geht es zum Kartenkauf nach Clinton Castle, wo die Legitimation zur Schiffahrt zu Mi\u00df Liberty und Ellis Island erworben wird. Am Fu\u00dfe der Freiheitsstatue erwirbt Heiko Postkarten und drei Schneekugeln mitsamt einer von darin befindlichen Mi\u00df Liberty. Den Gang ins Innere der Metalldame \u00fcberl\u00e4\u00dft er anderen und begn\u00fcgt sich schl\u00fcrfend mit einem Orange Juice.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Hochinteressant wird Ellis Island. Der wissenshungrige Geschichtsfan ist kaum zu bremsen, als er das dort eingerichtete Einwanderungsmuseum durchstreift. Erblickt werden Einheimische, die an Computern nach ihren Vorfahren suchen, betrachtet werden Riesenstapel von Koffern und Kisten internationaler Einwanderergruppen. Vielsagend sind zahllose Dokumente und Ausstellungsst\u00fccke. Beeindruckend fallen dem grunds\u00e4tzlich US-kritischen Zeitgenossen\u00a0recht viele selbstkritische Ausstellungs-Elemente auf, die von dunklen Seiten der Migration erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Leider l\u00e4uft die Uhr, und es warten Schiff und U-Bahn.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Zur\u00fcck im Hotel wird zun\u00e4chst gemeinsam relaxt und die Essenseinnahme in einem afghanischen Restaurant vereinbart. Der Besuch einer bekannten Rock-Kneipe, dem Hard-Rock-Cafe, beendet f\u00fcr Heiko den letzten Abend. Kurz vor dem Hotelgang werden noch etliche Bites von ausgestellten S\u00e4nger-Jacken oder von an der Wand baumelnden Guitars auf die Festplatte des PC-Freundes gezogen.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Hilfspfleger und Redakteur suchen danach noch ein paar finstere Ecken mit guten Kneipen auf, wobei sie beim Besuch des Ladens mit der \u201etollsten Musikbox\u201c (Jukebox) der Stadt einer Ausweiskontrolle unterzogen werden. Eigent\u00fcmlicherweise wirken beide um drei Uhr morgens wohl doch j\u00fcnger als 25 Jahre.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><b>\u00a0<\/b><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><b>\u00a0<\/b><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\"><b>Dienstag, 10. Oktober<\/b><\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Nach dem unterschiedlich schnellen Aufstehen stehen letzte Eink\u00e4ufe an, um noch eine Handvoll Dollar f\u00fcr sich und die Lieben daheim auszugeben. Ein letztes Mal ruft die Wiedergutmachung.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Touris verlassen New York bei untergehender Sonne. Am Nachmittag bekommt Budget das Leih-Auto zur\u00fcck, den Ossis bleibt nichts als Gep\u00e4ck und eine \u00dcberzahl an Eindr\u00fccken.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der jetzt schon gewohnte Check am Flughafen, Gep\u00e4ckaufgabe, Wartezeit in einer Airport-Kneipe, allerletzte Dollarausgaben.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Kurz nach 18 Uhr sitzt alles im Flieger und startet in eine weitgehend schlaflose Nacht, die am Tage darauf in der mitteleurop\u00e4ischen Zeit von ungef\u00e4hr 9 Uhr in Amsterdam endet. Joachim eilt ins Bett, Heiko ins B\u00fcro und Wolfgang unter die Dusche.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Good bye, New York, we hope to see you again &#8211; soon!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Notizen einer Reise vom 3. bis zum 10. Oktober 1995 \u00a0 \u00a0 Teilnehmer: \u00a0 Wolfgang Elbers Joachim Groneberg Heiko Schulze \u00a0 Dienstag, 3. Oktober Morgens um 9.15 Uhr bimmelt es bei Schulzes. 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