{"id":48,"date":"2015-12-19T17:54:49","date_gmt":"2015-12-19T17:54:49","guid":{"rendered":"http:\/\/schulze.geest-verlag.de\/?p=48"},"modified":"2015-12-19T17:54:49","modified_gmt":"2015-12-19T17:54:49","slug":"falken-fuer-den-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schulze.geest-verlag.de\/?p=48","title":{"rendered":"Falken f\u00fcr den Frieden"},"content":{"rendered":"<div><b><span style=\"font-size: xx-large;\">Erwin F\u00f6rstner: Lebenserinnerungen<\/span><\/b><\/div>\n<div><\/div>\n<p><b>Die Sozialistische Jugend Deutschlands &#8222;Die Falken&#8220; \u2013 Kinder- und Jugendverband der Sozialdemokratie &#8211; war im j\u00fcngeren Osnabr\u00fcck nur in kurzen Phasen durch einen eigenen Ortsverband vertreten.\u00a0\u00a0 Dass Falken in fr\u00fcheren Jahrzehnten in der Hasestadt ein starkes Standbein hatten, war seinerzeit vor allem mit einem Namen verbunden: Erwin F\u00f6rstner. <\/b><\/p>\n<p>F\u00f6rstners geografische Heimat, die ihn zeitlebens pr\u00e4gte, ist der Schwarzwald. Erste Station seines beruflichen Werdegangs war nach der Schulentlassung im Jahre 1924 eine Goldschmiedelehre, die er 1928 erfolgreich abschloss. Zwischendurch verfestigte sich seine k\u00fcnstlerische Ader, denn er besuchte die Pforzheimer Kunstgewerbeschule, wurde Theatermaler und war sp\u00e4ter in Pforzheim, Stuttgart und Waiblingen als freier Maler und Grafiker t\u00e4tig.<\/p>\n<p>Bereits als 12j\u00e4hriger stie\u00df Erwin F\u00f6rstner zur sozialistischen Bewegung und schloss sich den Pforzheimer Freien Turnern, einem Arbeitersportverein, an, der in gesunder und solidarisch erlebter Freizeitgestaltung, nicht in Milit\u00e4rdrill und Leistungswut, seine Identit\u00e4t suchte. Schon 1924 wurde F\u00f6rstner in der sozialistischen Kinderfreunde- und Falkenbewegung aktiv und fand dort jene politischen Wurzeln, die ihn bis heute pr\u00e4gen. Er bet\u00e4tigte sich in einer Vielzahl f\u00fchrender Funktionen in der sozialistischen Arbeiterjugend, gr\u00fcndete bis 1929 Falkengruppen in Pforzheim, Waiblingen, Korb und Fellbach. 1931 schlie\u00dflich avancierte F\u00f6rstner zum Unterbezirksleiter der Falken in Stuttgart, bei nicht wenigen Ereignissen mit gro\u00dfem Publikum wurde er zu einem vielgefragten Redner. Schon in jungen Jahren verband ihn mit dem sp\u00e4teren SPD-Bildungspolitiker Erhard Schneckenburger, zuweilen auch mit dem sp\u00e4teren SPD-Vorsitzenden und damaligen Vorsitzenden der SAJ auf Reichsebene, Erich Ollenhauer, eine enge Zusammenarbeit.<\/p>\n<p>Erwin F\u00f6rstner blieb bis zum Ende der Weimarer Zeit ein Aktivposten der dortigen Sozialdemokratie, wirkte gleicherma\u00dfen in SPD, Gewerkschaft, Reichsbanner, Naturfreunden und dem heute fast vergessenen sozialistischen Naturheilverein. Liebevoll fotografierte Fotos in reichhaltig best\u00fcckten Fotoalben zeugen nicht nur von der F\u00e4higkeit, Alltags-, Reise- und Zeltlageraktivit\u00e4ten junger Sozialistinnen und Sozialisten dokumentarisch ins Bild zu setzen, sondern auch von einer hohen Qualit\u00e4t der jeweiligen Motivauswahl. Selbst heute \u00fcberkommt einem das unglaubliche Gef\u00fchl, jene vergangene Zeit per Bildbetrachtung ein St\u00fcckchen mitzuerleben. Die Lockerheit und Verspieltheit des Alltagslebens in der Arbeiterjugend bilden einen eindrucksvollen Kontrast zu jenen Bildern milit\u00e4rischen Drills und Kadavergehorsams, der \u00fcblicherweise aus dieser Zeit \u00fcberliefert wird.<\/p>\n<p>F\u00fcr Erwin F\u00f6rstner war in solche Lebenssituationen stets eine Einheit zwischen politischen Visionen und dem Alltag ersichtlich: Solidarit\u00e4t ist Lernziel und zugleich im Umgang miteinander erlebbar. F\u00fcr seine hohe ethische Gesinnung sprach nicht zuletzt, dass er sich zu einem vegetarischen Leben entschied.<\/p>\n<div><\/div>\n<div><b><span style=\"font-size: x-large;\">Flucht in den Raum Osnabr\u00fcck<\/span><\/b><\/div>\n<p>1933, in jenem Jahre, in dem f\u00fcr zahllose Sozialistinnen und Sozialisten Todesgefahr, Haft oder Flucht angesagt waren, gelangte der Pforzheimer in den Raum Osnabr\u00fcck, zun\u00e4chst nach Dissen, sp\u00e4ter in die Hasestadt selbst, wo er nicht wie seine daheimgebliebenen Genossinnen und Genossen verfolgt wurde. Dass er ansonsten f\u00fcr Leib und Leben h\u00e4tte f\u00fcrchten m\u00fcssen, das bezeugen noch heute alte Briefe, die ihm Freunde seinerzeit schrieben und voll von Erlebnissen\u00a0der Verfolgung durch die NS-Machthaber sind.<\/p>\n<p>Politische Bet\u00e4tigung war f\u00fcr Erwin F\u00f6rstner fortan unter Lebensgefahr verboten und er schlug sich durch k\u00fcnstlerische Bet\u00e4tigung durchs Leben. 1937 fasste F\u00f6rstner beruflich erstmals in fester Position Fu\u00df, n\u00e4mlich als technischer Angestellter der Osnabr\u00fccker Regierung, bei der er \u2013 unterbrochen durch Kriegsdienst zwischen 1943 und 1945 &#8211; bis 1958 bleiben sollte.<\/p>\n<p>Gleichwohl war es f\u00fcr den engagierten Sozialisten auch in der Nazizeit selbstverst\u00e4ndlich, auf privater Ebene Kontakt zu Gleichgesinnten zu halten. F\u00f6rstner wurde zum Mitautor einer von jungen Sozialdemokraten herausgegebenen und per Eigendruck erstellten Zeitung, die analog zum Falkengru\u00df den Namen &#8222;Freundschaft&#8220; trug und mit etwa einem halben Dutzend Nummern intern vertrieben wurde. Um Verfolgung, Haft und letztendlich Tod zu vermeiden, versuchte man sich in \u00e4u\u00dferlich unpolitischen Darstellungen. Zentral wichtig f\u00fcr damals Eingeweihte wurde es an jenen Stellen, an denen man sich die Feldpostanschriften der zum Milit\u00e4rdienst rekrutierten Genossen mitteilte.<\/p>\n<div><\/div>\n<div><b><span style=\"font-size: x-large;\">Falkengr\u00fcndung nach dem Kriege<\/span><\/b><\/div>\n<p>Nach der Befreiung Osnabr\u00fccks im April 1945 geh\u00f6rte Erwin F\u00f6rstner zu den f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten der Osnabr\u00fccker Sozialdemokratie, die sich im Wiederaufbau von Stadt, demokratischen Verwaltungsstrukturen und Partei verdient machten. Schon im Juni wurde er Leiter des Antifa-Kampfbundes Natruper Tor und Eversburg, half mit und geh\u00f6rte als SPD-Abgeordneter zwischen Juli 1945 und Fr\u00fchjahr 1946 dem st\u00e4dtischen B\u00fcrgerausschuss an. Eine wichtige Rolle fiel ihm auch im Entnazifizierungsausschuss zu, dem er bis Januar 1948 angeh\u00f6rte und der versuchte, die Schergen des NS-Regimes zu enttarnen und zumindest nicht wieder in \u00f6ffentliche Funktionen hineinzulassen.<\/p>\n<p>Bei der offiziellen Wiedergr\u00fcndungsfeier der SPD in der Steinkaserne konnte Erwin F\u00f6rstner einmal mehr seine k\u00fcnstlerische Ader mit der politischen verbinden und schuf eine \u00fcberdimensionale Kohlezeichnung, die &#8222;Urvater&#8220; Karl Marx zeigte und die Wand zierte, w\u00e4hrend der unvergessene Walter Bubert, Widerstandsk\u00e4mpfer, sp\u00e4terer Landrat und Oberkreisdirektor im Landkreis Osnabr\u00fcck, eine vielbeachtete Gr\u00fcndungsrede hielt. Dass Erwin F\u00f6rstner sich auch f\u00fcr die Wiedergr\u00fcndung von Gewerkschaft und Jungsozialisten stark machte, war f\u00fcr ihn eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit.<\/p>\n<p>Dass jedoch sein Hauptherz an der Falkenarbeit hing, war auch in Osnabr\u00fcck unverkennbar. Schon im September 1945 hatte er eine Gruppe der sozialistischen Kinder- und Jugendorganisation ins Leben gerufen, als Leiter fungierte er mit seinen reichhaltigen Erfahrungen in dieser Arbeit bis 1952. Zahlreiche Osnabr\u00fccker SPDler, die sp\u00e4ter Verantwortung \u00fcbernahmen, verdankten ihr dazu notwendiges R\u00fcstzeug auch ihren Erfahrungen bei den Falken und damit nicht zuletzt dem Engagement F\u00f6rstners.<\/p>\n<div><\/div>\n<p>Dass Erwin F\u00f6rstner in der sp\u00e4teren Nachkriegszeit eher ins zweite Glied der Parteiarbeit zur\u00fccktrat, war auch in seinen Leidenschaften als K\u00fcnstler begr\u00fcndet. Zwischen 1958 und 1962 machte er sich sogar als freier Grafiker und Kunstmaler selbst\u00e4ndig, ehe er 1962 wieder bis zum Ende seiner beruflichen Laufbahn in 1973 im \u00f6ffentlichen Dienst, diesmal beim Vermessungsamt der Stadt, heimisch wurde.<\/p>\n<p>Als aktiver Rentner hat sich Erwin F\u00f6rstner noch viele Jahre sp\u00e4ter als bildnerischer Chronist des Stadtgeschehens einen Namen gemacht. Seine 8-mm-Filme \u00fcber viele Facetten st\u00e4dtischer Ereignisse legen dar\u00fcber ebenso Zeugnis ab wie liebevoll inszenierte Dia-Vortr\u00e4ge rund um Osnabr\u00fcck, mit denen er in zahllosen Zusammenk\u00fcnften ein stets gern gesehener Gast war.<\/p>\n<p>Heute lebt Erwin F\u00f6rstner gemeinsam mit seiner Frau Frieda in der gemeinsamen Wohnung in der Natruper Stra\u00dfe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erwin F\u00f6rstner: Lebenserinnerungen Die Sozialistische Jugend Deutschlands &#8222;Die Falken&#8220; \u2013 Kinder- und Jugendverband der Sozialdemokratie &#8211; war im j\u00fcngeren Osnabr\u00fcck nur in kurzen Phasen durch einen eigenen Ortsverband vertreten.\u00a0\u00a0 Dass Falken in fr\u00fcheren Jahrzehnten&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/schulze.geest-verlag.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/48"}],"collection":[{"href":"https:\/\/schulze.geest-verlag.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/schulze.geest-verlag.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schulze.geest-verlag.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schulze.geest-verlag.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=48"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/schulze.geest-verlag.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/48\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49,"href":"https:\/\/schulze.geest-verlag.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/48\/revisions\/49"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/schulze.geest-verlag.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=48"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/schulze.geest-verlag.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=48"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/schulze.geest-verlag.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=48"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}