{"id":50,"date":"2015-12-19T17:55:32","date_gmt":"2015-12-19T17:55:32","guid":{"rendered":"http:\/\/schulze.geest-verlag.de\/?p=50"},"modified":"2015-12-19T17:55:32","modified_gmt":"2015-12-19T17:55:32","slug":"arbeiterkulturbewegung-neustadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schulze.geest-verlag.de\/?p=50","title":{"rendered":"Arbeiterkulturbewegung Neustadt"},"content":{"rendered":"<div><b><span style=\"font-size: xx-large;\">Von der Wiege bis zur Bahre<\/span><\/b><\/div>\n<p><b>Politik, Konsum, Kultur, Sport und Erziehung: Das vergessene sozialdemokratische Alltagsleben im Osnabr\u00fcck vor 1933 gab es auch im Osnabr\u00fccker S\u00fcden.<\/b><\/p>\n<p><b>Wer sich mit der Geschichte der Osnabr\u00fccker Arbeiterbewegung in der Zeit vor 1933 befassen will, ger\u00e4t schnell auf eine Schmalspur, wenn er speziell Sozialdemo\u00adkratie nur als blo\u00dfe Parteiorganisation darstellen will. Die alte SPD ist auch im Wohnbereich s\u00fcdlich des Rosenplatzes &#8222;Parteibewegung&#8220;, die nahezu alle Lebensbereiche umfa\u00dft.<\/b><\/p>\n<p>Auch in der S\u00fcdstadt besitzen die Osnabr\u00fccker Sozis innerhalb der Arbeiterschaft bereits schon lange vor 1933 eine wichtige Position. Daf\u00fcr garantieren allein schon die Belegschaften der Firmen Hammersen oder der Kesselschmiede. Der Osnabr\u00fccker Ortsverein der SPD wiederum ist im modernen Sinne eine Art Holdingge\u00adsellschaft, die die politische Richtung bestimmt und dabei von meh\u00adreren Stadtteilorganisationen unterst\u00fctzt wird. Die &#8222;freien Gewerkschaften&#8220;, also die sozialdemokratischen Richtungsgewerkschaften, gliedern sich vornehmlich nach Berufszweigen auf. Das Reichsbanner &#8222;Schwarzrotgold&#8220; ist sowohl milit\u00e4r\u00e4hnliche Or\u00adganisation zum Schutz der Republik wie auch eine Ordnertruppe f\u00fcr Parteiveranstaltungen. Das Reichsbanner, das sich 1931 mit ge\u00adwerkschaftlichen &#8222;Hammerschaften&#8220; und Arbeitersportlern zur &#8222;Eisernen Front&#8220; zusammenschlie\u00dft, ist nicht nur, aber vor allem SPD-orientiert.<\/p>\n<p>Die J\u00fcngsten der Partei sind in einer Vielzahl von Jugendorganisa\u00adtionen aktiv: Kinderfreunde-Rote Falken, Sozialistische Arbeiterju\u00adgend, Jungsozialisten. Jugendorganisationen haben dar\u00fcber hinaus nat\u00fcrlich auch das Reichsbanner, die Einzelgewerkschaften, Arbei\u00adtersportvereine, besonderen Stellenwert besitzen auch die Natur\u00adfreunde mitsamt ihres &#8211; mit eigenen H\u00e4nden geschaffenen &#8211; Hauses in Vehrte.<\/p>\n<p>Da der &#8222;b\u00fcrgerliche&#8220; Sport aufgrund seiner Ausgrenzung gegen\u00fcber Arbeitern, vor allem aber auch seiner ausschlie\u00dflich leistungsso\u00adrientierten und zudem milit\u00e4risch ausgerichteten Struktur verp\u00f6nt ist, organisieren sich Sozialdemokraten im &#8222;Arbeiterturn- und Sportbund&#8220;. Der wiederum bietet ein Angebot f\u00fcr fast alle Sportar\u00adten wie Turnen, Leichtathletik, Kanusport, Fu\u00dfball, Handball, Schwimmen, Rad- und Kraftradsport. Angeschlossen ist au\u00dferdem der Arbeitersamariterbund, nicht zuletzt bietet man noch Schach f\u00fcr die &#8222;Denkakrobaten&#8220;. Besonders spielstark ist der 1925 gegr\u00fcndete und seitens seiner Mitgliedschaft stark am Kalkh\u00fcgel verankerte FC Fortuna, der vorwiegend auf \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen wie an der Kokschen Stra\u00dfe spielt.<\/p>\n<p>Nicht nur die Arbeitskraft, sondern auch die &#8222;Kaufkraft&#8220; wird or\u00adganisiert, indem man dem kapitalistischen Wirtschaftsleben \u00fcber den &#8222;Konsum- und Sparverein&#8220; die Stirn bieten will. Hier kann man per Mitgliedschaft g\u00fcnstiger einkaufen, ist an Gewinnaussch\u00fcttun\u00adgen beteiligt und kann sich dar\u00fcber hinaus mit Stimmrecht an der Selbstverwaltung des Wirtschaftsbereichs beteiligen. Der Leitspruch &#8222;Im Konsum kaufen kluge Leute&#8220; wurde in vielen Stadtteilen Osnabr\u00fccks recht nachhaltig verfolgt. Im Jahre 1927 k\u00fcndet eine Festschrift stolz \u00fcber 15 soge\u00adnannte &#8222;Verteilungsstellen&#8220; des &#8222;Konsum- und Sparvereins Osnabr\u00fcck und Umgebung&#8220;. Den Ausdruck &#8222;Laden&#8220; vermeiden die Konsumgenossenschafter bewusst, denn bei L\u00e4den geht es um kommerzielle Werbung und Gewinnspannen. Bei den Verteilungsstellen wird der Gewinn am Jahresende an die Mitglieder ausgesch\u00fcttet. Die Weihnachtsgans d\u00fcrfte dabei immer drin sein. Zentraler Anziehungspunkt ist f\u00fcr &#8222;Konsum-Genossen&#8220; aus dem Kalkh\u00fcgel-Bereich ist im \u00fcbrigen die Verteilungsstelle mitsamt Sparkasse und Schlachterei\u00a0in der Johannisstra\u00dfe 132, eine kleinere f\u00fcr unmittelbare Bed\u00fcrfnisse ist aber auch in der Marthastra\u00dfe 2<\/p>\n<p>Aktiv besetzte Felder der Sozialpolitik bietet auch in Osnabr\u00fcck die 1919 gegr\u00fcndete Arbeiterwohlfahrt. Verschiedenste Versicherungsleistungen bietet die Volksf\u00fcrsorge. Lesehungrigen steht eine eigene Parteib\u00fccherei und das gro\u00dfe Re\u00adpertoire der B\u00fcchergilde Gutenberg zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Volksb\u00fchne und Arbeitergesangvereine, seit 1931 auch ein Sprech- und Bewegungschor, bereichern das Organisationsleben der Sozial\u00addemokratie insbesondere hinsichtlich seiner ausgepr\u00e4gten Festkul\u00adtur: Die M\u00e4rzfeier eingedenk der 1848er-Revolution, der 1. Mai, der internationale Genossenschaftstag am 4. Juli, die Verfassungs\u00adfeier am 11. August, letztendlich die Revolutionsfeier am 9. No\u00advember werden\u00a0auch rund um den Kalkh\u00fcgel bewusst als Alternativen zu konfessionellen oder anderweitigen Feiertagen begriffen und gestaltet. Dem schon 1914 verstorbenen und legend\u00e4ren\u00a0Chorleiter Wilhelm Wendte \u2013 Spitzname &#8222;Der rote Wendte&#8220; \u2013 wird \u00fcbrigens auf dem Johannisfriedhof ein imposanter Grabstein mit der Inschrift &#8222;Die Fahne steht &#8211; wenn der Mann auch f\u00e4llt&#8220; gesetzt.<\/p>\n<p>Letztendlich unterstreicht ein eigener &#8222;Verein der Freidenker f\u00fcr Feuerbestattung&#8220;, da\u00df man dem Leitspruch &#8222;von der Wiege bis zur Bahre&#8220; tats\u00e4chlich sogar \u00fcber alle Lebensphasen hinaus nachkommen will.<\/p>\n<p>All diese Vielzahl an Organisationen, welche allesamt versuchen, Solidarit\u00e4t und Sozialismus vorzuleben, findet sich schlie\u00dflich in einer Tageszei\u00adtung wieder, die auch rund um den Kalkh\u00fcgel in vorwiegend sozialdemokratischen Haushalten gelesen wird: Die Freie Presse berichtet \u00fcber alle Geschehnisse und Termine der gro\u00dfen Osnabr\u00fccker SPD-Familie.<\/p>\n<div><\/div>\n<p>Wie die gesamte Arbeiterbewegung im Reich wird auch das reichhal\u00adtige Organisationsleben der Osnabr\u00fccker Sozialdemokratie nach dem 30. Januar 1933 auf brutalste Weise zerschlagen. Als das B\u00fcrgervorsteherkolleg Osnabr\u00fccks am 20. April unter der Nazifahne tagt, wird in Abwesenheit der schon &#8222;illegalen&#8220; SPD-Ratsmitglieder beschlossen, da\u00df s\u00e4mtlichen &#8222;marxisti\u00adschen Vereinen, Sportvereinen, Jugendorganisationen, Gesangvereinen u.s.w.&#8220; die Benutzung st\u00e4dtischer Grundst\u00fccke zu sperren w\u00e4re. Im Gleichklang folgte die Konfiszierend des unmittelbaren Eigentums, schlie\u00dflich Mi\u00dfhandlungen und Verhaftungen zahlreicher Aktiver. Konsumvereine oder B\u00fcchergilde Gutenberg werden mit einer NS-F\u00fchrung versehen und gleichgeschaltet.<\/p>\n<p>Einer von mindestens vier Osnabr\u00fccker Sozialdemokraten, die im KZ ermordet wurden, ist Wilhelm Mentrup, der sp\u00e4tere Namensgeber des gleichlautenden Weges s\u00fcdlich des Ziegenbrinks. Ebenfalls aus der Arbeiterbewegung entstammt die ermordete Widerstandsk\u00e4mpferin Lissy Rieke, nach der auch eine benachbarte Stra\u00dfe benannt wird.<\/p>\n<p>Dass Osnabr\u00fccker Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten nach 1945 ganz vorneweg dabei sind, ein demokratisches Osnabr\u00fcck aufzu\u00adbauen, das verdanken sie nicht zuletzt ihrer Erziehung in einem sozial\u00addemokratischen Organisationsnetz. Denn in diesen vielen Inseln sozialistischer Demokratie wurde vor 1933 das demokratische Handwerkszeug erprobt, das f\u00fcr die Fundamente des Gemeinwesens so unverzichtbar ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der Wiege bis zur Bahre Politik, Konsum, Kultur, Sport und Erziehung: Das vergessene sozialdemokratische Alltagsleben im Osnabr\u00fcck vor 1933 gab es auch im Osnabr\u00fccker S\u00fcden. 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