{"id":58,"date":"2015-12-19T17:58:01","date_gmt":"2015-12-19T17:58:01","guid":{"rendered":"http:\/\/schulze.geest-verlag.de\/?p=58"},"modified":"2015-12-19T17:58:01","modified_gmt":"2015-12-19T17:58:01","slug":"ottos-kalte-reise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schulze.geest-verlag.de\/?p=58","title":{"rendered":"Ottos kalte Reise"},"content":{"rendered":"<p>Otto hatte immer zu denen geh\u00f6rt, die alles sehr schwierig fanden und es deshalb vorzogen, die einfachsten L\u00f6sungen zu suchen. Er h\u00e4tte zeitlebens nie daran gedacht, aktiv f\u00fcr irgendetwas zu werden. Beruflich war er stets froh, wenn er sich vom B\u00fcro nach Hause bewegen konnte. Nur einen Spleen hatte er sich immer erlaubt: Er zahlte auf die hohe Kante, um einst eingefroren zu werden. Einst, wenn es soweit war, wollte er sanft entschlummern, um in der Zukunft wieder aufzuwachen. Irgendwann, wenn das Leben vielleicht noch viel angenehmer war &#8211; ohne Arbeit, mit Ruhe, ohne Stre\u00df und den Zwang, dauernd \u00fcber irgendetwas nachdenken zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Irgendwann hatte Otto es tats\u00e4chlich geschafft. Die Gewi\u00dfheit, bald in der tiefgek\u00fchlten R\u00f6hre zu liegen, \u00fcberdeckte sein Schmerzgef\u00fchl und lie\u00df sogar die letzten Tage seines Lebens vergessen. Er dachte an das Danach &#8211; und entschlief damit recht sanft.<\/p>\n<p>Otto durchflog eine Traumwelt, die ohne Alpdruck auskam. Freigesetzte Morphine versetzten seinem Hirn einen Trip, aus dem zu erwachen so unsch\u00f6n wurde wie ein rasselnder Wecker.<\/p>\n<p>Als Ottos Ruhe vorbei war, drang so etwas wie Piepsen, Krachen und merkw\u00fcrdige Stimmen in sein Ohr.<\/p>\n<p>&#8222;Sind Sie Nr. 3X 567?&#8220;, eine t\u00f6nerne Stimme beschleunigte Ottos Wachwerden.<\/p>\n<p>&#8222;Sind Sie Nr. 3X 567?&#8220;, wiederholte sich der Fragende, doch Otto hatte l\u00e4ngst damit begonnen, \u00fcber eine Antwort nachzudenken. Erst dabei bemerkte er, da\u00df er ins Dunkle schaute &#8211; oder war er gar blind? Doch zun\u00e4chst wollte er erstmal antworten:<\/p>\n<p>&#8222;Ich kenne diese Nummer nicht, ich bin auch keine Nummer, mein Name ist Otto&#8230;&#8220; Er konnte vor Schreck nicht weitersprechen, denn pl\u00f6tzlich befand er sich mitten in einem grellen Scheinwerferlicht, nie gesehene Kameraaugen guckten ihn an &#8211; und dann dieser Mensch, der r\u00fccklings vor ihm stand und in die gleichen Linsen starrte. Ganz glitzerig sah der Mann aus, auf dem Kopf eine Kapuze, und dann sprach der wieder mit dieser t\u00f6nernen Stimme:<\/p>\n<p>&#8222;Liebe Telekonsumenten, das Experiment, \u00fcber das wir so viele Jahre gestritten haben, wird jetzt gemacht. Blicken wir zun\u00e4chst zur\u00fcck!&#8220;<\/p>\n<p>Otto merkte endlich, da\u00df er so etwas wie die Hauptfigur in einer Art Fernseh\u00fcbertragung war, ja mehr noch, einer Sendung aus der Zukunft, die seine neue Gegenwart war. Nach und nach begriff er, und das fiel ihm nicht einmal schwer, hatte er doch zeitlebens zig Varianten durchgespielt, auf welche Weise er in die Welt der Wachen und Gesunden zur\u00fcckkehren wollte.<\/p>\n<p>Otto lebte und war aufgetaut, f\u00fchlte sich sogar einigerma\u00dfen gesund &#8211; und sah pl\u00f6tzlich eine Art kleine Kinoleinwand mit Bildern, die ihm vertraut schienen: sch\u00f6ne W\u00e4lder und Landschaften, Tiere jedweder Art, Wasser und blauen Himmel. Dann pl\u00f6tzlich schrille Musik und das Kontrastprogramm, das er zu Hause immer so gern abgeschaltet hatte: abgestorbene B\u00e4ume, D\u00fcrregebiete, ausgehungerte Menschen, Spraydosen, Abfallberge, Atombomben, am Schlu\u00df furchtbare kriegsverw\u00fcstete St\u00e4dte.<\/p>\n<p>&#8222;Diese Bilder kennen wir,&#8220; fuhr der glitzernde Moderator fort, &#8222;und wir zeigen sie gerade unseren Kindern jeden Tag. Wir wissen viel \u00fcber all das, was die sogenannte Menschheit zuerst zugrundegerichtet und dann ganz vernichtet hat. Wir haben in den filmischen und schriftlichen Hinterlassenschaften sogar einiges an sogenannten Argumenten entschl\u00fcsseln k\u00f6nnen, mit denen all das, was zerst\u00f6rte, gerechtfertigt wurde. Doch gerade unseren Kindern und den Jungen scheint all das, was nachschaubar ist, nicht mehr verst\u00e4ndlich Sogar der Ruf nach `manipulierter Geschichte` wird laut.&#8220;<\/p>\n<p>Otto begann damit, seine erste Freude \u00fcber das Erwachen wie einen Klo\u00df hinunterzuschlucken, denn er begriff, da\u00df seine Welt offenbar ein schreckliches Ende gefunden hatte. Er dachte gerade \u00fcber die ganzen Menschen nach, die er nie wieder&#8230;<\/p>\n<p>&#8222;Nr. 3X 567,&#8220; unterbrach ihn erbarmungslos der Kapuzenmann, dessen scharftkantiges Gesicht mit Sonnenbrille ihn jetzt vollends irritierte, &#8222;haben Sie diese Bilder eben gesehen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;\u00c4h, ja,&#8220;stotterte Otto und merkte, da\u00df seine Stimme etwas nuschelnd aus den Mundwinkeln hauchte. Er nahm sich vor, seine Kiefer beim n\u00e4chsten Mal zusammenzuziehen und kraftvoller zu sprechen &#8211; schlie\u00dflich hatte er offenbar Publikum und da mu\u00dfte man doch einen guten Eindruck ma &#8230;<\/p>\n<p>&#8222;Nr. 3X 567, haben auch Sie zu den Leuten geh\u00f6rt, die diesen Irrsinn mitgemacht haben?&#8220;<\/p>\n<p>Otto nahm allen Mut zusammen und fragte mit jetzt tats\u00e4chlich klarerer Stimme: &#8222;Welchen Irrsinn meinen Sie denn, und \u00fcberhaupt: Ich hei\u00dfe Otto Trendmann und&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Haben Sie vom Waldsterben gewu\u00dft?&#8220; Der Mann mit Glitterkapuze tat so, als wenn er Ottos Versuch gar nicht wahrgenommen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>&#8222;Waldsterben? Ach ja, das war einmal. Ist aber &#8211; glaube ich &#8211; zur\u00fcckgegangen&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Liebe Telekonsumenten, hier ist ein sogenannter Mensch, der das best\u00e4tigt, was wir Geschichtswissenschaftler Ihnen immer zu erkl\u00e4ren versuchen: Die Menschen scherten sich irgendwann gar nicht mehr darum, da\u00df die soganannten B\u00e4ume verschwanden, die wir heute in Reproduktionen auf historischen Ausstellungen betrachten k\u00f6nnen. Und sie machten das sogar, obwohl tagaus, tagein Informationen dar\u00fcber eingingen, wie es um die Natur stand.&#8220;<\/p>\n<p>Der Kapuzenmann wandte sich nun wieder Otto zu, immer noch, ohne ihn ins Auge zu schauen: &#8222;Haben Sie auch regelm\u00e4\u00dfig Eimer von M\u00fcll weggeworfen &#8211; Plastik, der sich nicht zersetzen konnte, Giftstoffe, die das Grundwasser verschmutzten und &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Jetzt nahm Otto all seinen Mut zusammen und unterbrach den Kapuzenmann:<\/p>\n<p>&#8222;Ich war doch nur ein einfacher B\u00fcrger, sowas m\u00fcssen die Politiker \u00e4ndern. Ich habe nie etwas gemacht, was verboten war. Ich war immer ein rechtschaffender&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Otto Trendmann&#8220;, die Stimme des Kapuzenmannes klang schneidend und Otto war gar nicht wohl dabei, zum erstenmal seinen Namen zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>&#8222;Da\u00df Sie Leichenteile von Lebewesen gegessen haben, war wohl auch nicht verboten?&#8220;<\/p>\n<p>Otto begriff etwas langsam, da\u00df der Kapuzen-Moderator von Fleisch und Wurst sprach, was jetzt sicher sehr lecker und viel angenehmer w\u00e4re, als vor diesem eigenartigen Tribunal zu stehen.<\/p>\n<p>Als der Kapuzenmann mit donnernder Stimme von so etwas wie &#8222;Kannibalismus&#8220; sprach, kehrten sich Ottos lukullische Phantasien schnell in ein \u00e4ngstliches Schlucken um.<\/p>\n<p>&#8222;Haben Sie Atomkraftwerke gebaut, von denen jeder wu\u00dfte, wie gef\u00e4hrlich sie waren? Haben Sie Massenvernichtungswaffen produziert, von denen jeder wu\u00dfte, da\u00df sie die ganze Menschheit um ein Vielfaches vernichten konnten? Haben Sie so etwas wie Automobile gehalten, von denen bekannt war, da\u00df durch sie allj\u00e4hrlich Abertausende von Menschen starben und deren Abgase die Luft verpesteten?&#8220;<\/p>\n<p>Otto begriff, da\u00df man gar keine Antwort von ihm erwartete. Verzweifelt nickte er zaghaft mit dem Kopf und sah es mittlerweile als offenkundig sinnlos an, nochmal die Geschichte von der Regierungsverantwortung und dem machtlosen B\u00fcrger zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>&#8222;Und ist es tats\u00e4chlich wahr, Herr Trendmann, da\u00df zu Ihrer Zeit etliche Millionen von Menschen verhungerten, w\u00e4hrend einige soviel besa\u00dfen, da\u00df davon h\u00e4tten Tausende satt werden k\u00f6nnen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wer bei uns gut und flei\u00dfig arbeitet, verdient eben gutes Geld, und wer arm oder arbeitslos ist, der ist selber &#8230;&#8220; Otto merkte gerade wegen der pl\u00f6tzlichen Stille, da\u00df er alles andere als eine geistreiche Antwort gegeben hatte. Er wollte noch etwas anf\u00fcgen und einr\u00e4umen, da\u00df nat\u00fcrlich auch viel Ungerechtes da war &#8211; und au\u00dferdem hatte er, Otto Trendmann, manche m\u00fchsam erschuftete Mark f\u00fcr Losaktionen von Wohlfahrtsorganisationen ausgegeben, er hatte sogar einmal Blut f\u00fcr einen freien Arbeitstag und ein schlechtes Fr\u00fchst\u00fcck gespendet und &#8230;<\/p>\n<p>&#8222;Ich komme zum Schlu\u00dfwort,&#8220; sprach der Kapuzenmann &#8211; mit nun pl\u00f6tzlich ruhigerer, aber auch abgewendeter Stimme.<\/p>\n<p>&#8222;Die sogenannten Menschen haben wirklich all das Unglaubliche gemacht, das in unseren Geschichtsmedien erfa\u00dft ist und das so oft nicht geglaubt wird. Nr. 3X 567, der sich Trendmann nannte, hat uns eben best\u00e4tigt, wie primitiv das Niveau der da\u00admals Lebenden war. Um unsere Zivilisation vor R\u00fcckf\u00e4llen in die barbarische Ver\u00adgangenheit zu sch\u00fctzen, werden wir Nr. 3X 567 nun wieder in die verschlossene Demo-Servation zur\u00fcckf\u00fchren, eine sp\u00e4tere &#8211; allerh\u00f6chstens teilgenetische &#8211; -Ver\u00adwertung werden wir uns dort vorbehalten.&#8220;<\/p>\n<p>Otto wollte noch etwas rufen, doch er merkte schnell, da\u00df ihn in der pl\u00f6tzlich auftretenden Stille und absoluten Dunkelheit wohl niemand mehr wahrnehmen konnte. Summen und kalte Luft waren das Letzte, das er h\u00f6rte und sp\u00fcrte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Otto hatte immer zu denen geh\u00f6rt, die alles sehr schwierig fanden und es deshalb vorzogen, die einfachsten L\u00f6sungen zu suchen. Er h\u00e4tte zeitlebens nie daran gedacht, aktiv f\u00fcr irgendetwas zu werden. 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